Der Artikel beginnt mit der Erfahrung menschlicher Vergeblichkeit. Klagen über Leid, Vergänglichkeit und Tod gehören seit jeher zur Literatur. Zugleich gibt es Momente, in denen das Leben plötzlich in einem anderen Licht erscheint. Anhand eines Gedichts von Pindar beschreibt der Text den Einbruch eines Glanzes, der das Dasein verwandelt und als Geschenk erfahren wird, nicht als Ergebnis eigener Leistung. Dieses Aufleuchten einer tieferen Wirklichkeit reißt den Menschen aus bloßer Alltagsnot heraus und eröffnet eine Perspektive auf Sinn. Aus dieser Erfahrung ergibt sich das Verlangen, erneut beschenkt zu werden, und damit die Frage, ob und wie man sich auf solche Momente vorbereiten kann. Genau hier verortet der Autor die Entstehung der praktischen Philosophie. Mit Pierre Hadot zeigt er, dass Philosophie in der Antike vor allem als spirituelles Übungsprogramm verstanden wurde, als geistige Übungen, die das Ich formen sollen. Ziel dieser Übungen ist ein geklärtes Verhältnis zu sich selbst, zum Kosmos und zu den Mitmenschen. Spirituell heißt diese Praxis nicht, weil sie an bestimmte religiöse Inhalte gebunden wäre, sondern weil sie Techniken der inneren Arbeit bereitstellt, durch die der Mensch sich des Höchsten und Tiefsten in sich vergewissern kann. Deshalb besteht eine Nähe zwischen philosophischen geistigen Übungen und religiösen geistlichen Übungen, weil beide dem Leben eine sinnstiftende Form geben wollen.
Der Text erklärt anschließend, dass die Antike den Ausdruck Sinn in unserem heutigen Verständnis nicht kennt und stattdessen vom höchsten Gut spricht. Darüber herrscht nach Aristoteles weitgehend Einigkeit. Glück heißt dieses höchste Gut und glücklich sein bedeutet gut leben und gut handeln. Damit rückt der Glücksbegriff in die Mitte antiker Ethik. Die antiken Philosophieschulen bieten Wege zum Glück an, also Programme für ein gelingendes Leben. Sie unterscheiden sich jedoch deutlich darin, was sie unter Glück verstehen. Platon verbindet Glück mit der Angleichung an das Göttliche. Aristoteles sieht je nach Veranlagung zwei Lebensformen als glücksfähig, das politische Leben im Dienst des Gemeinwohls und das kontemplative Leben der Betrachtung. Epikur versteht Glück als ruhigen Lustzustand, der entsteht, wenn Bedürfnisse gestillt sind. Die Stoiker dagegen richten sich am Logos aus, an einer universalen Vernunft, und streben Freiheit von leidenschaftlicher Unordnung sowie ein anspruchsvolles ethisches Leben an. Gemeinsam ist vielen dieser Ansätze die Überzeugung, dass Glück weniger ein äußerer Zustand ist als eine Tätigkeit. Glücklich sein ist ein aktiver Vollzug. Im Tun des Richtigen stellt sich das Glücken ein.
Danach beschreibt der Autor die moderne Kritik an Glücksethiken. Seit Kant stehen glücksorientierte moralphilosophische Ansätze unter Verdacht, das unbedingte Sollen zu verfehlen, weil sie Neigung und Vorteilsdenken an die Stelle der Pflicht setzen. Auch der Utilitarismus kritisiert die antiken Modelle, weil sie zu stark auf das Individuum bezogen seien und nicht auf universale Geltung. Daraus ergibt sich die Leitfrage, ob unter modernen erkenntniskritischen Bedingungen die Reflexion über Glück und gutes Leben wieder ein Eckstein plausibler Moraltheorie werden kann. Dafür müssen zwei Fragen beantwortet werden. Was macht das Leben des Menschen wirklich menschlich und lässt sich zwischen guten und schlechten Lebensformen unterscheiden.
Als Antwort führt der Artikel Harry Frankfurts Analyse des Person Begriffs an. Menschen sind nicht nur Wesen mit Wünschen, sondern können zu ihren Wünschen reflexiv Stellung nehmen. Sie können Wünsche bewerten und dadurch auf einer zweiten Ebene wollen, ob sie einem Wunsch folgen möchten oder nicht. Das nennt Frankfurt ein Wollen zweiter Stufe. Beispiele sind der Wunsch zu rauchen, dem man zugleich widersprechen kann, oder der Hunger, dessen unmittelbarer Drang durch Fasten zeitweise ausgesetzt werden kann. Entscheidend ist, dass sich in den Wünschen zweiter Stufe ein ideales Selbstbild ausdrückt. Sie orientieren sich an dem, was für jemanden wertvoller ist als die unmittelbare Befriedigung. Daraus folgt, dass diese zweite Ebene der Selbstbestimmung eng mit Werten verbunden ist, die Identität bilden.
Im nächsten Schritt deutet der Text Glück als Sinn. Werte wie Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit, Echtheit oder Heiligkeit erscheinen nicht als beliebige Selbstsetzungen. Sie lösen im Menschen Resonanz aus. Man erlebt sich nicht als denjenigen, der Werte einfach macht, sondern als jemanden, der von ihnen ergriffen wird. Diese Erfahrung wird als Wirklichkeit verstanden, weil sie einen Anspruch von außerhalb des bloß egoistischen Begehrens ausdrückt und über das eigene kleine Wollen hinausweist. Zugleich verschärft die Moderne das Begründungsproblem. In pluralen Lebenswelten gelten Werte oft als subjektiv. Dann scheint es unmöglich, qualitative Urteile über Lebensformen zu begründen. Der Autor widerspricht dieser Resignation mit drastischen Beispielen. Wer sagt, man könne grundsätzlich nicht zwischen gut und schlecht unterscheiden, müsste auch bei der Grausamkeit gegenüber Kindern oder bei Folter und Unterdrückung die Möglichkeit rationaler Kritik preisgeben. Wenn man das nicht hinnehmen will, dann muss man anerkennen, dass ein Leben, das Werte verwirklicht, besser ist als eines, das dies nicht tut. Ein wertorientiertes Leben ist um seiner selbst willen wert, gelebt zu werden. Genau darin sieht der Artikel eine Definition von Sinn, nämlich dass Tätigkeiten ihren Endzweck in sich selbst tragen. Sinn und Glück entstehen dort, wo ein Vollzug Selbstzweck ist und nicht bloß Mittel für äußere Vorteile.
Der Text räumt ein, dass eine allgemeinverbindliche kosmische Sinnordnung, wie sie Antike und Mittelalter annahmen, heute nicht mehr in derselben Weise zugänglich ist. Wert Resonanz bleibt an persönliche Sichtweisen gebunden. Dennoch ist sie mehr als bloßer Ausdruck irrationaler Launen, weil sie als Antwort auf einen Anspruch verstanden wird, der mich unbedingt angeht. Wer die Lücke zwischen unmittelbaren Wünschen und den reflektierten Wünschen zweiter Stufe zu schließen vermag, erfährt Glück als Einklang mit sich selbst. Dieses Glück wird nicht produziert, sondern ereignet sich, weil Sinn und Glück dem Menschen vorausliegen und ihm entgegenkommen wie Glanz oder wie eine Schwingung, die Resonanz auslöst. Was Menschen tun können, ist, sich auf das Außeralltägliche vorzubereiten, indem sie ihre Wahrnehmung schulen und eine Lebensform einüben, die empfänglich macht. Am Ende greift der Artikel den Gedanken des Festes auf, der aus der religiösen Sphäre stammt. Wer in Weisheit lebt, verbringt das Leben wie ein Fest, weil im wahrhaft menschlichen Leben etwas aufscheint, das über uns hinausweist und verwandelt. So verbindet der Beitrag antike Philosophie, moderne Subjektkritik und die Frage nach Sinn zu der These, dass Glück als geschenkte Sinnerfahrung möglich bleibt, wenn der Mensch sich durch Übungen und wertorientiertes Leben dafür öffnet.