Der Artikel untersucht die sogenannten Seligpreisungen der Bergpredigt unter Rückgriff auf ihren griechischen Wortlaut und ihre alttestamentlichen Bezüge. Der Autor bevorzugt den Begriff Makarismen, da das griechische Wort makarios mehr umfasst als das deutsche selig. Gemeint ist nicht bloß ein entrücktes Glücksgefühl, sondern ein Zustand, in dem jemand sein Leben gut getroffen hat, weil er sich für den richtigen Weg entschieden hat. Makarismen stehen häufig im Zusammenhang mit dem Tun Ergehen Zusammenhang und mit der Zwei Wege Lehre, wie sie etwa Psalm 1 entfaltet.
Ein Vergleich zwischen der Feldrede im Lukasevangelium und der Bergpredigt im Matthäusevangelium zeigt zwei unterschiedliche Konzepte von Glück. Lukas überliefert vier Makarismen, die paradoxe Aussagen enthalten. Glücklich sind die Armen, die Hungernden, die Weinenden und die Verfolgten. Diese Aussagen wirken zunächst irritierend, weil sie Mangelerfahrungen positiv deuten. Erst durch die angekündigte Umkehr der Verhältnisse und die anschließenden Weherufe wird eine ausgleichende Gerechtigkeit deutlich. Lukas richtet seinen Blick auf die konkret Benachteiligten und eröffnet ihnen Hoffnung auf göttliche Umkehrung ihrer Lage.
Matthäus dagegen erweitert und verändert die Vorlage. Er formuliert die Aussagen stärker ethisch und verallgemeinert sie. Aus den Armen werden die Armen im Geist, aus dem Hunger wird der Hunger nach Gerechtigkeit. Materielle Unterschiede treten zurück. Weherufe fehlen. Stattdessen ergänzt Matthäus weitere Makarismen und verknüpft sie eng mit alttestamentlichen Texten der Septuaginta. Der Autor zeigt anhand zahlreicher sprachlicher Parallelen, dass Matthäus bewusst auf Jesaja 61, Psalm 37, Psalm 107, Psalm 24 und Hosea 2 zurückgreift.
So greift der Makarismus von den Trauernden, die getröstet werden, auf Jesaja 61 zurück, wo vom Geist des Herrn, von Armen und von der Tröstung Zions die Rede ist. Die Sanftmütigen, die das Land erben, erinnern an Psalm 37. Die Hungernden und Dürstenden nach Gerechtigkeit stehen in Verbindung mit Psalm 107, wo Gott Hungernde sättigt. Die Reinen im Herzen verweisen auf Psalm 24, in dem vom Aufstieg zum heiligen Berg und vom reinen Herzen gesprochen wird. Die Friedfertigen, die Kinder Gottes genannt werden, nehmen Hosea 2 auf, wo von den Söhnen des lebendigen Gottes die Rede ist.
Diese alttestamentlichen Bezüge verbinden die Makarismen thematisch mit Motiven von Bundesschluss, Landnahme und Erwählung Israels. Jesaja spricht vom ewigen Bund, die Psalmen vom Erbe des Landes, von Wüstenwanderung und Gottesgegenwart am heiligen Ort. Auch die Versuchungserzählung im Matthäusevangelium steht im Horizont der Sinai Tradition. Das Hinaufsteigen auf den Berg, das Öffnen des Mundes und die Inszenierung Jesu als Lehrer erinnern an Mose am Sinai. Der Berg der Gesetzesoffenbarung wird zum Berg der Gesetzesauslegung. Die Bergpredigt erscheint so als programmatische Neudeutung des Bundes.
In dieser Perspektive preisen die Makarismen nicht nur sozial Benachteiligte, sondern vor allem diejenigen, die zum Gottesvolk gehören oder sich bewusst für diese Zugehörigkeit entscheiden. Glücklich sind jene, die Anteil an der befreienden Bundesbotschaft haben und das verheißene Land erben. Die Makarismen fungieren zugleich als thematische Einleitung der Bergpredigt, insbesondere im Hinblick auf das Leitmotiv der Gerechtigkeit. Mehrfach wird in der Rede von Gerechtigkeit gesprochen. Die Antithesen dienen dazu, das Gesetz so auszulegen, dass der Bund nicht gebrochen wird.
Der fünfte Makarismus über die Barmherzigen lässt sich nicht eindeutig einem bestimmten alttestamentlichen Text zuordnen. Dennoch fügt er sich thematisch in das Gesamtbild ein, da Erbarmen auch in den benachbarten Psalmen eine Rolle spielt. Möglicherweise bewahrt Matthäus hier ein Element seiner Quelle oder setzt einen eigenen Akzent, der für seine Theologie zentral ist.
Abschließend hält der Autor fest, dass die matthäische Makarismenreihe als bewusste theologische Gestaltung verstanden werden kann. Matthäus wollte nicht in erster Linie die Marginalisierten ansprechen, sondern diejenigen, die sich als Teil des Gottesvolkes verstehen. Die Bergpredigt wird so zur programmatischen Grundlage eines erneuerten Israel, dessen Sendung schließlich über das Land hinaus auf die ganze Welt ausgerichtet ist.