Der Artikel setzt bei der Beobachtung an, dass das Wort Erlösung im kirchlichen Alltag kaum noch vorkommt. Frühere Modelle, in denen Menschen vom Zorn Gottes und von ewiger Verdammnis erlöst werden mussten, sind für viele heutige Christen nicht mehr nachvollziehbar. Die Frage lautet nicht mehr, wie man sich mit Gott versöhnt, sondern wie man sich mit dem Leben versöhnt. Der Autor ist überzeugt, dass christliche Erlösungstheologie auch heute helfen kann, freier, gelassener und weniger ängstlich zu leben. Häufiger als nach theologischen Theorien werde er jedoch gebeten, Märchen zu erzählen, weil diese vom Leben zwischen Verwünschung und Erlösung sprechen.
Märchen sind keine religiösen Lehrgeschichten und verfolgen keine missionarische Absicht. Sie sind gewachsene Volksgeschichten, die in mündlicher Überlieferung geformt wurden und allgemein menschliche Erfahrungen verdichten. Besonders die Zaubermärchen, in denen es um Wunder und Staunen geht, enden meist gut. Sie erzählen von kleinen oder unscheinbaren Figuren, die auf schweren Wegen mit wunderbarer Hilfe ihr Glück finden. Dieser Weg führt durch Angst, Gefahr und Entfremdung, ähnlich wie im Evangelium der Weg durch Passion und Kreuz vor der Auferstehung steht. Das Wunder im Märchen eröffnet eine neue Wirklichkeit, in der alles anders werden kann.
Im Blick auf die Verwünschung zeigt der Autor typische Bilder. Besonders auffällig ist das Motiv versagender Eltern. Böse Mütter oder schwache Väter symbolisieren nicht reale Eltern, sondern Grund- und Urerfahrungen des Menschseins. Mutter steht für die ursprüngliche Erfahrung von Geborgenheit und Bedürfnisbefriedigung, Vater für Ordnung und Autorität. Beide Rollen wecken Erwartungen, die kein Mensch dauerhaft erfüllen kann. Die Enttäuschung über diese Erwartungen gehört zum Erwachsenwerden. In theologischer Sprache ließe sich dies mit Kontingenz oder Erbsünde beschreiben, nicht als moralisches Fehlverhalten, sondern als angeborene Zerrissenheit und Ungeborgenheit des Menschen. Die Märchen erzählen vom Aufbruch aus kindlicher Abhängigkeit in eigenverantwortliches Leben.
Weitere Verwünschungsbilder sind das Sich Verlieren, Armut, Hunger oder das Gefressenwerden als Bild existenzieller Bedrohung. Besonders eindrücklich ist die Verwünschung in eine andere Gestalt. Figuren werden in Tiere oder groteske Formen verwandelt. Diese Bilder verdichten Erfahrungen von Entfremdung, Selbstzweifel und verzerrter Identität. Wie im Leben nimmt die Leidensgeschichte im Märchen mehr Raum ein als das glückliche Ende.
Das erlöste Leben wird in starken Bildern dargestellt. Zentral ist die Hochzeit als Symbol für Versöhnung, Harmonie und fruchtbare Einheit. Sie steht für die Integration von Gegensätzen und für ein neues, erwachsenes Leben. Häufig verbunden damit ist das Motiv der Krönung. Königliche Würde bedeutet Selbstbeherrschung, Selbstachtung und innere Freiheit. Der Autor deutet dies christlich als Erinnerung an die unverlierbare Würde des Menschen, die etwa in der Taufe zugesprochen wird. Auch Reichtum erscheint als Symbol, nicht als materieller Überfluss, sondern als Fülle dessen, was man wirklich braucht. Manchmal wird Erlösung als Heimkehr oder Rückkehr aus einer Anderswelt beschrieben, wobei die Rückkehrenden verwandelt sind.
In der Frage nach dem Wie der Erlösung zeigen die Märchen einen doppelten Weg. Zum einen fordern sie Aufbruch und Eigenverantwortung. Die Helden müssen losgehen, ihr Leben in die Hand nehmen und sich den Gefahren stellen. Zum anderen gelingt Erlösung nicht allein aus eigener Kraft. Oft geschieht sie durch unerwartete Hilfe, durch Güte, durch ein Ja, das den Menschen annimmt. Verwandlung bedeutet dabei nicht Selbstoptimierung, sondern Entpuppung. Das Verborgene wird sichtbar. In jedem Aschenputtel steckt ein Königskind.
Erlösung ist im Märchen fast immer Verwandlung zu einem reiferen Selbst, das sowohl Ich fähig als auch Du fähig ist. Es geht um Selbstwerdung und zugleich um Beziehung. Der Mensch muss seinen Weg gehen, darf aber darauf vertrauen, dass mehr Güte in der Welt ist, als er ahnt. Das Gute ist weniger spektakulär als das Böse, hat aber den längeren Atem.
Der Artikel schließt mit dem Gedanken, dass das Thema Erlösung keineswegs überholt ist. Wenn die Kirche es nicht mehr verständlich zur Sprache bringt, taucht es in anderen Erzählformen wieder auf, etwa in moderner Fantasy oder in den alten Märchen. Märchen können so indirekt helfen, von erlösenden Lebensperspektiven zu sprechen und die Sehnsucht nach Glück und Sinn wachzuhalten.