Die in der Bibel vorgestellten Rollenmuster und Identitätsentwürfe stellen in der Exegese einen zentralen Gegenstand dar, da sie die Rezeptionsgeschichte oft nachhaltig bestimmt haben. In jüngerer Zeit bringt sich eine gedächtnistheoretische Hermeneutik ins Gespräch, die von einem kulturwissenschaftlichen Verständnis von Erinnerung ausgeht und sowohl psychologische als auch soziologische Erkenntnisse berücksichtigt, um den jeweiligen sozialen Gedächtnisrahmen biblischer Identitätsbildungen zu rekonstruieren. Vor allem die Passauer Exegetin Sandra Huebenthal hat diesen Ansatz im Anschluss an Gedächtnistheorien von Maurice Halbwachs bzw. Aleida und Jan Assmann aufgegriffen, um die Evangelien als Zeugnisse kollektiver Erinnerungen und frühchristlicher Identitätsbildung zu lesen. Es liegt auf der Hand, dass diejenigen Evangelientexte, die ein fortgeschrittenes Stadium christologischer oder ekklesiologischer Konturierung widerspiegeln und darin eine breite, mitunter problematische Wirkungsgeschichte aufweisen, sich für eine gedächtnisreflektierte Erschließung besonders anbieten. Vor allem die johanneische Christologie steht für eine ekklesiologische Identitätsbildung, die zwar einerseits Freundschaft und Liebesgebot ins Zentrum einer intrinsischen Ethik stellt, sich zugleich aber von „den Juden“ in scharfen Dualismen abgrenzt. Vor dem Hintergrund heutiger Bemühungen um einen christlich-jüdischen Dialog ist die Exegese besonders gefragt. Als jüdische Stimme bietet sich dabei die Neutestamentlerin Adele Reinhartz an, die in ihrem 2001 erschienenen Buch „Befriending the Beloved Disciple“ die Erzählfigur des Jüngers, „den Jesus liebt“, als Gesprächspartner im Sinne des reader response criticism aufbaut, um verschiedene Rezeptionshaltungen durchzuspielen (übers. von Esther Kobel: Freundschaft mit dem Geliebten Jünger. Eine jüdische Lektüre des Johannesevangeliums, Zürich 2005). Das nüchterne Fazit Reinhartz’, dass ihr Dialogversuch nicht zu Freundschaft, sondern eher zu Grabenbildung geführt habe (Freundschaft, 219), greift vorliegender Sammelband auf. Er dokumentiert Diskussionsbeiträge der Passauer Seminarveranstaltung „Johanneische Theologie: Identität durch Abgrenzung?“, die auf Online-Diskussionen der Seminarteilnehmer mit Reinhartz und Kobel zurückgehen. Der voranstehende Beitrag von Manuel Bonimeier („Du hast Worte des ewigen Lebens“, 11-46) versteht sich als hermeneutische Grundlage des Diskurses. Der Autor untersucht in souveräner Beherrschung des methodischen Instrumentariums, was ein kulturwissenschaftlich-gedächtnistheoretischer Blick zur Exegese von Joh 6 beitragen kann. Als grundlegend für den gedächtnistheoretischen Zugang erweist sich die Unterscheidung von bestehendem Gedächtnisrahmen (hier die Mose- und Exodusüberlieferung) und dem für die Identitätsbildung der joh Gemeinde konstitutiven neuen Verstehensrahmen (kollektives Gedächtnis, hier: das Vertrauen auf einen ewiges Leben schenkenden Christusglauben in einer Krisensituation). Die von Joh 6 im Zuge dieser Profilbildung gezeichnete Ausgrenzung der Juden aus dem kollektiven Gedächtnis führt zu der Frage, wie die heutige katholische Exegese, die selbst ein kollektives, und zwar von einer langen Antisemitismusgeschichte geprägtes Gedächtnis repräsentiert, diese kritisch aufarbeiten kann. Eine detaillierte gedächtnistheoretische Analyse der joh Theologie zwischen Liebesgebot und Judenfeindlichkeit bietet der Beitrag von Johanna Graßl am Beispiel der Abschiedsrede (111-143). Die Autorin kommt darin u.a. zu dem Ergebnis, dass Liebesgebot und Judenfeindlichkeit im JohEv letztlich nebeneinander stehen bleiben. Die joh Jesuserzählung ist „inhaltlich entlang einer konkreten historischen Herausforderung eines Moments des prozesshaften Parting of the Ways gestaltet“ (133). Für Letzteren bildet das Motiv des Synagogenausschlusses ein starkes Indiz. Diesen hält Graßl indes für einen Mythos mit Berufung auf die Analysen von Reinhartz (130). Es ist aber fraglich, ob man mit dieser eindeutigen Zurückweisung eines Synagogenausschlusses den deutlichen Aussagen Joh 9,22; 12,42; 16,2 gerecht wird. Hier spielt eher eine Hermeneutik hinein, die die christlich emische mit der jüdisch emischen Perspektive unbedingt versöhnen möchte. Die weiteren Beiträge widmen sich der Mutter Jesu (Valentin Auer), der Freundschaftsmotivik (Melanie Zeger) und den Auferstehungstexten als exemplarischen Glaubenswegen (Vera Lutz). Wie die übrigen weisen sie das Potential einer gedächtnistheoretischen Exegese überzeugend nach. Aus Sicht einer quellenkritischen Joh-Exegese ist allerdings zu bedauern, dass die hier präferierte Dominanz einer synchronen Textauslegung den gedächtnisprozessuralen Baustein der Zeichenquelle außer Acht lässt. Der judenchristliche Mutterboden der dort bezeugten Prophetenchristologie und ihrer positiven Wertschätzung des Judentums als Ausgang des Heils (Joh 4,22) vermag die bekannten joh Antijudaismen zumindest teilweise zu relativieren. Im Ganzen ist der Sammelband als Einführung in kulturwissenschaftlich-gedächtnistheoretische Perspektiven und das Johannesevangelium uneingeschränkt zu empfehlen. Besonders erfreulich ist, dass sich auch die heutige Studierendengeneration für die neutestamentliche Exegese begeistern lässt und zu beachtlichen Leistungen fähig ist. Kulturwissenschaftlich-gedächtnistheoretische Perspektiven auf das Johannesevangelium Passauer Forum Theologie Regensburg: Verlag Friedrich Pustet. 2024 191 Seiten 24,00 € ISBN 978-3-7917-3491-0