Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass Leid – ausgelöst durch Naturkatastrophen, Gewalt, Krankheit oder persönliche Schicksalsschläge – den Glauben radikal infrage stellen kann. Im einführenden Grundsatzbeitrag entfaltet Alexander Loichinger das klassische Theodizeeproblem als Spannungsfeld zwischen dem Glauben an einen allmächtigen und gütigen Gott und der erfahrbaren Realität von Leid und Übel. Er zeichnet zunächst traditionelle Erklärungsversuche nach, insbesondere die Sündenfalltheodizee, die Leid als Folge menschlicher Schuld interpretiert, und zeigt deren Grenzen im Licht moderner naturwissenschaftlicher und historischer Erkenntnisse auf. Anschließend stellt er neuere theoretische Theodizeeansätze vor, etwa bei Richard Swinburne und John Hick, die Leid als notwendige Bedingung menschlicher Freiheit, Verantwortung und Reifung deuten. Diese Ansätze werden jedoch kritisch relativiert, da sie Gefahr laufen, Leid funktional zu rechtfertigen. Demgegenüber betont Loichinger die Bedeutung „praktischer Theodizeen“, die auf Leiderklärung verzichten und stattdessen Leidbekämpfung, Solidarität, Mitgefühl und Hoffnung in den Mittelpunkt stellen. Theologisch verdichtet sich diese Perspektive im Blick auf das Kreuz Christi, in dem Gott selbst das Leid der Welt teilt.
Die interreligiöse Weite des Heftes zeigt sich in den Beiträgen zur jüdischen und islamischen Tradition. Daniel Krochmalnik entfaltet eindrucksvoll die Theodizee in der jüdischen Überlieferung. Anhand biblischer und talmudischer Texte – insbesondere des Buches Ijob, macht er deutlich, dass Judentum der Frage nach dem Leid keine abschließende rationale Antwort gibt. Vielmehr wird die Anmaßung, Gott vor dem Tribunal menschlicher Vernunft rechtfertigen zu wollen, kritisch zurückgewiesen. Die jüdische Tradition hält Raum für Klage, Protest und Anklage Gottes offen und versteht gerade diese ehrliche Klage als Ausdruck eines ernsthaften Glaubens. Besonders nach der Shoah wird von vielen jüdischen Denkern vom „Ende der Theodizee“ gesprochen: Gott wird nicht erklärt, sondern im Leid bezeugt, indem Menschen an seiner Gerechtigkeit festhalten und Verantwortung übernehmen.
Bülent Ucar stellt die muslimische Grundhaltung im Umgang mit Leid vor. Im Zentrum steht die Haltung der Ergebung und des Vertrauens in Gott. Leid wird im Islam häufig als Prüfung verstanden, die den Glauben vertieft und zur moralischen Bewährung herausfordert. Dabei wird klar unterschieden zwischen Leid, das anzunehmen ist, und Unrecht, das aktiv bekämpft werden muss. Geduld, Dankbarkeit und Gottvertrauen sind zentrale religiöse Haltungen, ohne dass Leid verharmlost oder passiv hingenommen wird. Auch hier wird deutlich, dass religiöser Glaube nicht primär Erklärungen liefert, sondern Orientierung für den Umgang mit Leid bietet.
Ergänzt werden die theologischen Beiträge durch kulturelle Zugänge. Jürgen Kost zeigt anhand ausgewählter Werke der deutschen Literatur, wie Schriftsteller auf historische Katastrophen, Krieg und existenzielle Erschütterungen reagieren und die Theodizee-Frage literarisch verdichten. Kunst und Ästhetik eröffnen dabei Erfahrungsräume, in denen Leid nicht begrifflich aufgelöst, sondern existenziell erfahrbar gemacht wird. Dies wird durch die Vorstellung der Passionstriptychen von Peter Paul Etz vertieft, die Leiden, Klage und Hoffnung bildlich zum Ausdruck bringen. Filmtipps und Kinderbücher zeigen zudem, dass die Auseinandersetzung mit Leid auch altersgerecht möglich ist.
Der Praxisteil des Heftes bietet konkrete Unterrichtsimpulse, unter anderem einen Unterrichtsentwurf zu Oskar und die Dame in Rosa, der sich auch für die Grundschule eignet. Insgesamt wird deutlich, dass Religionsunterricht beim Thema Leid weder vorschnelle Antworten geben noch in Sprachlosigkeit verharren sollte. Vielmehr geht es darum, Räume für Fragen, Klage, Zweifel und Hoffnung zu eröffnen und Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen in ihren eigenen Erfahrungen.
Insgesamt bietet das Heft eine theologisch anspruchsvolle, interreligiös sensible und didaktisch reichhaltige Auseinandersetzung mit der Frage „Warum leiden?“. Für Religionslehrkräfte ist es eine wertvolle Hilfe, das Thema Leid nicht zu erklären, sondern verantwortungsvoll zu begleiten – im Vertrauen darauf, dass Glaube sich gerade im Umgang mit Leid bewähren und vertiefen kann.