Gotthard Fuchs liest Martin Luthers Schrift Von der Freiheit eines Christenmenschen als einen bis heute wichtigen Schlüsseltext des Christentums. Er erinnert daran, dass Luther diesen Text in einer Zeit schwerer Auseinandersetzungen mit Rom verfasste und darin nach dem eigentlichen Wesen des christlichen Menschen fragt. Für Fuchs ist diese Frage heute sogar noch dringlicher, weil christliche Identität in einer pluralen, interreligiösen und multikulturellen Welt neu bedacht werden muss. Im Mittelpunkt steht deshalb nicht nur eine historische Würdigung Luthers, sondern die Frage, was christliche Freiheit bedeutet und wie sie heute verstanden werden kann.
Der Autor zeigt, dass Luther seine Gedanken in einer klaren und didaktisch geschickten Form entfaltet. Ausgangspunkt ist die bekannte Doppelthese, dass ein Christenmensch ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan sei und zugleich ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Diese scheinbar widersprüchliche Formulierung ist für Fuchs der Schlüssel zu Luthers Freiheitsverständnis. Freiheit ist nicht Unabhängigkeit im modernen Sinn, sondern zeigt sich als Bindung an Gott und als Liebe zum Nächsten. Gerade darin liegt für Fuchs die bleibende Kraft des Textes.
Der Artikel erklärt, dass Luther den Menschen in einer inneren und einer äußeren Dimension sieht. Der innere Mensch wird durch das Hören auf Gottes Wort bestimmt. Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen, rechtfertigen oder heil machen, sondern empfängt seine Würde und Freiheit allein durch Gottes Zusage. Gottes Wort begegnet dem Menschen von außen, deckt ihn zunächst auf und spricht ihn zugleich gerecht, heilig und angenommen. Der Mensch wird also nicht durch eigene Leistung frei, sondern durch Vertrauen auf Gottes Zuspruch. Fuchs betont, dass Luther damit die paulinische Freiheitstheologie konzentriert und zuspitzt.
Zugleich hebt der Autor hervor, dass Luther den Glauben nicht als abstrakte Idee, sondern als lebendige Vereinigung mit Christus versteht. In anschaulichen Bildern beschreibt Fuchs, wie Luther von einer innigen Verbindung zwischen Christus und dem glaubenden Menschen spricht. Dabei verweist er auf die geistliche Tradition und Mystik, aus der Luther schöpft. Besonders wichtig ist das Bild des fröhlichen Tausches: Christus nimmt, was den Menschen belastet, und schenkt ihm seine Gerechtigkeit und Freiheit. So wird deutlich, dass Luther trotz seines reformatorischen Aufbruchs tief in der älteren Tradition der Kirche verwurzelt bleibt.
Aus dieser Gottesbeziehung ergibt sich für Luther das Handeln in der Welt. Wer durch den Glauben frei geworden ist, muss sich nicht mehr selbst beweisen. Gerade deshalb wird er fähig, sich dem Nächsten zuzuwenden. Fuchs arbeitet heraus, dass die zweite Seite der Freiheit die Liebe ist. Der gerechtfertigte Mensch lebt nicht mehr für sich selbst, sondern in Christus und für andere. Christliche Freiheit führt also nicht in die Selbstbezogenheit, sondern in den Dienst. Liebe ist keine Vorbedingung für Gottes Annahme, sondern die Frucht des Glaubens. Damit grenzt Luther sich sowohl gegen ein Leistungsdenken als auch gegen eine falsche Autonomie ab.
Fuchs macht deutlich, dass hierin eine hochaktuelle Botschaft liegt. Freiheit ohne Liebe würde in egoistische Selbstverwirklichung umschlagen. Liebe ohne den Rückhalt in Gottes Gnade würde zu moralischer Selbstüberforderung werden. Der Mensch bleibt nur dann frei und zugleich solidarisch, wenn er seine Würde nicht selbst herstellen muss, sondern sie von Gott empfängt. Deshalb beschreibt der Autor christliches Leben als Antwortgeschehen. Der Glaube antwortet auf Gottes Zuwendung und wird in der Liebe wirksam. Christliches Handeln ist also nie reine Selbstproduktion, sondern Antwort auf eine schon geschenkte Gnade.
Gleichzeitig verschweigt Fuchs nicht, dass Luthers Schrift aus einer anderen Zeit stammt und heute der Übersetzung bedarf. Bestimmte Denkformen können modern als dualistisch oder pessimistisch missverstanden werden. Auch neuere Einsichten aus Psychoanalyse und Gehirnforschung verändern den Blick auf den Menschen. Dennoch sieht der Autor den Text keineswegs als überholt an. Vielmehr fasziniert ihn dessen Frische, sprachliche Klarheit, spirituelle Tiefe und religionspädagogische Kraft. Für ihn ist die Schrift ein klassischer Text christlicher Mystagogie, der Menschen in das Geheimnis des Glaubens einführt.
Besonders wichtig ist Fuchs außerdem die soziale und politische Dimension von Luthers Freiheitsverständnis. Schon die Begriffe Herr und Knecht verweisen über die individuelle Frömmigkeit hinaus auf öffentliche Rollen und Machtverhältnisse. Der Glaube stellt Herrschaft und Unterwerfung in Frage und eröffnet eine neue Geschwisterlichkeit. So wird Luthers Text auch als Entwurf einer Theologie der Macht gelesen, in der alle Glaubenden Anteil an Würde, Priestertum und Verantwortung haben. Das gemeinsame Priestertum und Lehramt aller Glaubenden erscheint dadurch als ökumenisch hoch aktueller Gedanke.
Am Ende würdigt der Autor Luthers Schrift als eine leidenschaftliche Einführung in den Glauben. Sie zeigt, dass Christsein weder in bloßer Erinnerung an Vergangenes noch in vagen Hoffnungen auf Zukünftiges besteht, sondern im gelebten Glauben hier und jetzt. Für Fuchs bleibt der Text deshalb eine Quelle reformatorischer Erneuerung und eine eindrucksvolle Einladung, christliche Freiheit als Geschenk Gottes und als Auftrag zur Liebe neu zu verstehen.