Der Artikel stellt die islamische Wirtschaftsethik als eine religiös begründete Antwort auf wirtschaftliche Krisen und auf die zerstörerischen Folgen von Geiz und Gier dar. Ausgangspunkt ist die Aussage, dass sich muslimische Kritik am Finanzsystem auf den Koran stützen kann. Dabei wird betont, dass der Koran keine wirtschaftsfeindliche Haltung vertritt. Er entstand in einem von Handel und Wirtschaft geprägten Umfeld in Mekka, und auch Muhammad war Kaufmann. Deshalb finden sich im Koran viele Bilder aus der Welt des Handels. Eigentum, ehrliche Arbeit und Gewinnstreben werden grundsätzlich anerkannt. Abgelehnt werden jedoch das demonstrative Zurschaustellen von Reichtum, soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Praktiken, die Menschen ausbeuten oder schädigen.
Im Zentrum der koranischen Kritik steht das Zinsnehmen. Anhand von Sure 2 wird gezeigt, dass Handel erlaubt, Zinsnahme aber verboten ist. In der islamischen Tradition wurde meist ein allgemeines Zinsverbot vertreten, auch wenn diskutiert wurde, ob nur Wucher oder jeder Zins gemeint sei. Verstärkt wird dieses Verbot durch überlieferte Aussagen des Propheten, nach denen nicht nur derjenige verurteilt wird, der Zinsen nimmt, sondern auch derjenige, der sie zahlt oder entsprechende Verträge bezeugt. Das Zinsverbot ist deshalb ein Kernbestand islamischer Wirtschaftsethik, weil Zinsen Menschen in Abhängigkeit bringen und soziale Ungleichheit vertiefen können.
Darüber hinaus verbietet die islamische Ethik weitere Formen unrechtmäßigen Gewinns. Dazu zählen Glücksspiel, Spekulation, Drogen, Alkohol, Prostitution und Betrug im Handel. Gerechtes Wirtschaften verlangt ein ehrliches Maß und eine gerechte Waage. Hinter solchem Fehlverhalten stehen nach dem Artikel vor allem Geiz und Gier. Sie gelten als menschliche Grundgefährdungen, die im Koran und in prophetischen Überlieferungen mit Ungerechtigkeit, Diebstahl und sogar Blutvergießen verbunden werden. Der Mensch erscheint daher als moralisch gefährdetes Wesen, das Anleitung und Einübung in Tugenden braucht.
Diesen Lastern stellt der Islam konkrete Tugenden und Pflichten entgegen. Besonders wichtig sind Großzügigkeit, Hilfsbereitschaft und die Verantwortung für Bedürftige. Die Zakat, also die Armen und Sozialsteuer, gehört zu den religiösen Grundpflichten. Sie macht deutlich, dass Eigentum nicht absolut dem Einzelnen gehört, sondern als Gabe Gottes verstanden wird, für die der Mensch verantwortlich bleibt. Besitz erscheint so als Treuhänderschaft. Daraus folgt eine klare Sozialpflichtigkeit des Eigentums. Auch das Gemeinwohl hat im islamischen Denken einen hohen Rang. Zusätzlich zur verpflichtenden Abgabe wird freiwilliges Spenden als verdienstvoll angesehen, vor allem zugunsten von Armen, Reisenden, Witwen und Waisen.
Der Artikel betont zugleich, dass es nicht nur auf äußeres Geben ankommt, sondern auch auf die innere Haltung. Almosen sollen nicht aus Eitelkeit oder zur Selbstdarstellung gegeben werden. Besser ist ein stilles und aufrichtiges Geben, das nicht auf Bewunderung durch andere Menschen zielt. Ebenso wird davor gewarnt, Großzügigkeit mit Verschwendung zu verwechseln. Gefordert ist der rechte Mittelweg zwischen Geiz und Maßlosigkeit. Auch das Fasten wird als religiöse Übung gegen Gier und Besitzdenken verstanden. Damit zeigt der Artikel, dass im Islam persönliche Frömmigkeit und soziale Verantwortung eng zusammengehören.
Im zweiten Teil wendet sich der Beitrag der Gegenwart zu und beschreibt das Interesse an einem nach islamischen Prinzipien arbeitenden Finanzsystem. Charakteristisch für islamisches Bankwesen sind zinslose Geschäfte, das Teilen von Gewinn und Verlust zwischen Kreditgebern und Kreditnehmern sowie der Ausschluss von Spekulationsgeschäften und von wirtschaftlichen Aktivitäten, die islamischen Normen widersprechen. Der Artikel verweist darauf, dass solche Angebote inzwischen auch in Europa und in Deutschland vorhanden sind.
Gleichzeitig bleibt der Text kritisch. Es wird offen angesprochen, dass auch im Bereich islamischer Finanzprodukte Umgehungsgeschäfte und formale Tricks vorkommen, mit denen zwar der Wortlaut religiöser Vorschriften eingehalten, ihr Sinn aber unterlaufen wird. Deshalb wird die Vorstellung einer fertigen islamischen Wirtschaftsordnung skeptisch betrachtet. Stattdessen erscheint der Begriff islamische Wirtschaftsethik treffender, weil er stärker auf Werte, Haltungen und Verantwortung verweist als auf ein angeblich vollkommenes System.
Am Ende macht der Artikel deutlich, dass auch ein religiös geprägtes Wirtschaftssystem nicht automatisch frei von Fehlverhalten wäre. Weil der Mensch nach koranischer Sicht von Natur aus schwach und anfällig für Laster ist, bleiben individuelles Versagen und strukturelle Fehlentwicklungen immer möglich. Daraus folgt die Aufgabe der Religionen, weder das bestehende Wirtschaftssystem einfach hinzunehmen noch ein ideales System mit Zwang durchsetzen zu wollen. Gefordert ist vielmehr ein kritischer und konstruktiver Beitrag zu einer Wirtschafts und Finanzordnung, die dem Wohl aller Menschen dient.