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EulenfischPhilipp Hildmann

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Philipp Hildmann

Rezension: Yvonne Sherwood: Blasphemie

Veröffentlichung:6.5.2024

Rezension der Veröffentlichung Blasphemie von Yvonne Sherwood, erschienen im Eulenfisch Literatur Magazin.

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Wie ein Relikt vergangener Zeiten ragt es aus der Geschichte in unsere Gegenwart hinein: das Vergehen der Blasphemie. Die Schmähung des Göttlichen, des Heiligen, die Lästerung der Götter, ja, Gottes selbst. Und doch scheint dieser „Frevel“ aktuell wieder an Relevanz zu gewinnen. Allen Prognosen zunehmender Säkularisierung im Allgemeinen und des Niedergangs der Bedeutung des Religiösen im Besonderen zum Trotz. Yvonne Sherwood, Professorin für Biblische Kulturen und Politik an der University of Kent, hat sich dieses Phänomen des Ungleichzeitigen näher angesehen und sich auf eine kulturgeschichtliche Spurensuche begeben. Herausgekommen ist eine erkenntnisreiche, wenngleich etwas mäandrierende Tour d’Horizon durch die Geschichte der Blasphemie. Sie nimmt ihren Ausgang im Buch der Könige des Alten Testaments mit dem Schicksal des Weinbergbesitzers Nabot, der als unschuldiges Opfer eines Blasphemievorwurfs sein Leben lassen muss, und reicht bis zu den durch Algorithmen mannigfaltig befeuerten „Hashtagblasphemien“ (180) unserer Tage. Was ist Blasphemie überhaupt? Wie kann ein Begriff, der sich auf die Beleidigung der Götter in himmlischen Sphären bezieht, hier auf Erden überhaupt eine Bedeutung haben? Mit Fragen wie diesen eröffnet die Autorin ihre sechs Kapitel, in denen sie dem Begriff der Blasphemie nachspürt. Und von Beginn an wird deutlich, dass dieser sehr offen ist, viel Raum für Interpretationen lässt und zahlreiche weitere Fragen mit sich bringt: Wer oder was gilt als heilig? Wer oder was ist heilig genug, um überhaupt schutzbedürftig zu sein? Wie sehr muss eine Aussage oder Handlung beleidigen, um als blasphemisch zu gelten? Indem Yvonne Sherwood ihre Antworten entlang prominenter Fallbeispiele aus den vergangenen Jahrhunderten entwickelt, kristallisiert sich die Kernthese ihres Buches zunehmend heraus: Die Blasphemie ist der Lackmustest sich verändernder Wertvorstellungen. An ihr zeigt sich, wie sich die Grenzen des Denkbaren, Sagbaren und Darstellbaren mit der Zeit verschieben. Das, was wir als blasphemisch wahrnehmen, so ihre Erkenntnis, steht dabei stets im Kontext der „sozialen Ökologie“ (18) eines bestimmten Ortes und einer bestimmten Zeit. Per definitionem liegt die Blasphemie immer in den Augen und Ohren des Betrachters und bezieht sich in den allermeisten Fällen auf die sehr zeitgebundenen Werte der Mehrheitsgesellschaft. Unsere Erinnerung ist dabei ein oft flüchtiger Geselle. Beispielhaft lässt sich dies etwa an der Empörung in England über die muslimische Fatwa gegen den Autor der 1988 erschienenen „Satanischen Verse“, Salman Rushdie, sehen; in einem Land, das gerade einmal 67 Jahre zuvor noch einen Hosenhändler wegen Blasphemie zu Zwangsarbeit verurteilt hatte. Gott könne in der Regel gut auf sich selbst aufpassen, so Yvonne Sherwood. Nur weil die Blasphemie zu einem rein sozialen Verbrechen gegen den öffentlichen Frieden, die gesellschaftliche Ordnung oder die Gefühle Gläubiger wurde, gebe es sie überhaupt noch als Deckmäntelchen der Realpolitik bis heute. Ihr Verbot ziele in allen Weltreligionen dabei nur vordergründig auf die Wahrung der Ehre Gottes oder des Heiligen, in Wahrheit jedoch auf die Aufrechterhaltung des sozialen Zusammenhalts und den Schutz der Gemeinschaft vor Chaos und ziviler Unruhe. Seit den 1980er-Jahren habe sich in den westlichen Ländern allerdings ein signifikanter Wandel vollzogen. Habe sich die gängige Moral in der Vergangenheit gegen die Blasphemie und die Blasphemiker gewendet, so stünden heute weit eher jene im Fokus, die überempfindlich auf Blasphemien reagierten. In einer 180-Grad-Wendung würde Blasphemie in unseren Breitengraden heute gerade nicht mehr verfolgt, sondern ihr Aushalten als „eine der Definitionen moderner westlicher Demokratien gefeiert“ (133). Dies sollte gleichwohl nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bei dem Vorwurf der Blasphemie in anderen Teilen der Welt wie beim alttestamentarischen Nabot und seinem Weinberg auch heute noch um nichts weniger als Leben und Tod geht. In Ländern wie Afghanistan, Iran, Nigeria, Pakistan, Saudi-Arabien, Somalia oder Mauretanien steht nach wie vor die Todesstrafe auf diesen „Frevel“. Für westliche Deuter mag das ein Ausdruck politischer und religiöser Unsicherheit sein. Für die Betroffenen ist der Blasphemievorwurf am Ende vor allem eins: tödlich. Geschichte und Gegenwart des Frevels Aus dem Englischen übersetzt von Carla Hegerl München: Claudius Verlag 2023 200 Seiten 22,00 € ISBN 978-3-532-62894-2

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30.4.2026

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