Der Beitrag befasst sich mit der Frage, wo die Grenzen von Kontroversität im Religionsunterricht liegen und wie diese etabliert werden können. Während kontroverse Bildungsprozesse in der religionsdidaktischen Forschung viel diskutiert werden, bleibt die Frage nach deren normativen Grenzen weitgehend ungeklärt. Der Autor entwickelt theoretische Perspektiven durch eine Analyse von religionsdidaktischen Theorieentwürfen zur Bearbeitung politischer Sachverhalte. Aus dieser hermeneutischen Erschließung lassen sich drei idealtypische Varianten der normativen Rahmung und Begrenzung kontroverser Bildungsprozesse identifizieren: (1) Die kontroverse Urteilsbildung im demokratischen Rahmen nach Schlag, bei der die Grenzen von Kontroversität dort erreicht sind, wo die Wertebasis einer menschenrechtskonformen Demokratie angegriffen wird. (2) Das autonome Hinterfragen aller politischen Normen nach Grümme, bei dem keine normativen Grenzen gesetzt sind und auch Demokratie begründet infrage gestellt werden kann. (3) Das Etablieren kontroverser transformativer Positionen nach Knauth, Gärtner und Herbst, das darauf zielt, gesellschaftliche Veränderung zu etablieren, ohne diese selbst kritisch zu hinterfragen. Empirisch wird eine qualitative Interviewstudie mit elf Gymnasiallehrkräften für Katholische Religionslehre in Bayern durchgeführt. Die Analyse zeigt eine hohe praktische Anschlussfähigkeit der ersten beiden Theorievarianten an die Unterrichtspraxis. Die meisten interviewten Lehrkräfte argumentieren demokratiepädagogisch und sehen den Religionsunterricht als Raum für eigenständige Urteilsbildung. Jedoch werden auch erhebliche unterrichtspraktische Herausforderungen deutlich, die in der Theorie kaum reflektiert sind. Besonders problematisch ist die zunehmende Toleranz der öffentlichen Debatte gegenüber rechtsextremen Positionen, was es Religionslehrkräften schwer macht, demokratische Kontroversitätsgrenzen zu etablieren. Fremdenfeindliche Schüler reagieren auf Problematisierungen ihrer Position häufig damit, dass sie dem Religionsunterricht einseitige Kritik an öffentlich tolerierten Positionen vorwerfen. Der Autor plädiert für eine vertiefte theoretische und empirische Forschung zu den Grenzen von Kontroversität in religiösen Bildungsprozessen, um klärende Antworten auf die Frage zu entwickeln, wie Lehrkräfte legitime von nicht-legitimen Positionen unterscheiden und diese Grenzen in der Praxis durchsetzen können.