Das Forschungsprojekt von Christina Hofmann adressiert ein Desiderat in der deutschsprachigen Religionspädagogik: die systematische und empirische Erschließung negativer Moralität für ethisch-religiöse Bildungsprozesse im Religionsunterricht. Während der religionspädagogische Diskurs zum ethischen Lernen seit Jahrzehnten einseitig auf den kognitiven Aspekt moralischer Urteilsfähigkeit (orientiert an Lawrence Kohlberg) verengt wurde, werden narrative und erfahrungsbegründete Dimensionen ethischen Lernens bislang kaum berücksichtigt. Die Studie geht von der Prämisse aus, dass persönliche Erlebnisse von Ungerechtigkeit zentrale Bedeutung für ethisches Lernen haben – für die Entwicklung subjektiver Gerechtigkeitsverständnisse, für die Sensibilisierung und Motivation zum Engagement gegen Unrecht. Die erkenntnisleitenden Fragestellungen lauten: Was kennzeichnet jugendliche Ungerechtigkeitserfahrungen in ihrer Eigenstruktur? Welchen Aufschluss geben sie über subjektive Gerechtigkeitsverständnisse? Welche Bedeutung haben sie für eine Theorie ethisch-religiöser Bildung? Methodisch wurde das explorative Vorgehen der Grounded Theory gewählt, modifiziert durch narrationsanalytische Zugänge. Die Datenerhebung erfolgte anonym und schriftlich an kirchlichen Gymnasien in Süddeutschland (N=106). Schüler/-innen der 10. Jahrgangsstufe erzählten im Rahmen des katholischen Religionsunterrichts in einem eigens entworfenen Erhebungsbogen ein persönliches Erlebnis von Ungerechtigkeit. Das Datenmaterial wurde transkribiert, anonymisiert, nach Sinneinheiten segmentiert und mittels offenen, axialen und selektiven Kodierens ausgewertet. Die Analyse zeigt beeindruckende Offenheit und Authentizität in den Erzählungen. Eine Beispielanalyse illustriert, wie eine 16-jährige Schülerin ihren fortlaufenden Kampf um Integrität und Identität rekonstruiert, ausgelöst durch Mobbingerfahrungen in der Grundschulzeit, radikalisiert durch Freunde in der Pubertät. Die Angriffe führen zu Verlust des Selbstwertgefühls und innerer Wendung des Kampfes, manifestierend in Selbsthass, Bulimie und Depressionen. Die Verletzung des Ideals der Freundschaft zeigt die Verwobenheit von Integrität und Sozialität. Aus diesen einzelnen Aspekten des subjektiv Ungerechten rekonstruieren sich ex negativo Kriterien des Gerechten: ein anerkennungstheoretisches Gerechtigkeitskonzept, das Achtung der Person als Integritätsperson, soziale Wertschätzung, emotionale Anerkennung und soziale Integration durch Freundeskreis einfordert. Vorläufig lassen sich vier Strukturtypen jugendlicher Ungerechtigkeitserfahrungen festhalten: (1) Bedroht-Sein des eigenen Selbst in Integrität und Anerkennung; (2) Bedroht-Sein der Verlässlichkeit institutioneller Regelsysteme zur Gewährleistung von Äquivalenz; (3) Bedroht-Sein des sozialen Miteinanders in Loyalität und Fürsorglichkeit; (4) Bedroht-Sein des guten Lebens in Sicherheit und Harmonie. Didaktisch wird argumentiert, dass die eigene Lebensgeschichte als Ort ethischer Bewusstwerdung ein Ausgangspunkt und die Negation des Ungerechten ein lohnenswerter Bezugspunkt ethischen Lernens sein kann. Der hermeneutische Prozess biografischer Selbstvergewisserung ermöglicht Identifizierung und Vergegenwärtigung des Ungerechten samt impliziter subjektiver Gerechtigkeitskonzepte. Die ethikdidaktische Relevanz von Erzählungen zeigt sich nicht nur im Zugang zu eigenen verletzten Ansprüchen, sondern auch in der Auseinandersetzung mit intersubjektiven Ansprüchen, die diskursiv und kognitiv bearbeitet werden können.