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Eulenfisch

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Wie eine Brücke zu den singenden Engeln

Veröffentlichung:1.1.2013

Der Fachartikel ist im Heft ru heute unter dem Titel „Wie eine Brücke zu den singenden Engeln. Hildegard und die Musik“ enthalten und umfasst vier Seiten, S. 24 bis 27. Der Beitrag zeigt, dass Musik für Hildegard von Bingen weit mehr ist als Kunst oder Ausdruck von Gefühlen. Sie versteht Musik als Weg der Gotteserkenntnis, als Teil der göttlichen Schöpfungsordnung und als Verbindung zwischen Mensch, Kirche, Kosmos und himmlischer Liturgie. Der Artikel behandelt dabei vor allem theologische Fragen nach dem Verhältnis von Musik und Schöpfung, nach dem Gotteslob, nach der Bedeutung des Singens für die menschliche Seele, nach Sündenfall und Erlösung sowie nach der Rolle von Liturgie, Engelwelt und göttlicher Offenbarung.

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Der Artikel beschreibt Hildegards Musikverständnis als Teil einer umfassenden Theologie. Musik ist für sie ein Weg zu Gott und ein Mittel, göttliche Wahrheit zu erkennen und weiterzugeben. Der Verfasser zeigt zunächst, dass Hildegard mit ihrer Sicht nicht außerhalb der Tradition des Mittelalters steht. Vielmehr greift sie ältere antike und christliche Vorstellungen auf, entwickelt sie jedoch auf eigene Weise weiter und verbindet sie mit ihrer Erfahrung als Sängerin, Komponistin und geistliche Autorität.

Im Mittelpunkt steht die mittelalterliche Vorstellung eines klingenden Kosmos. Die Welt ist nach dieser Sicht nicht nur von Gott geordnet, sondern auch von Harmonie durchdrungen. Planeten, Sterne und die gesamte Schöpfung stehen in einem ausgewogenen Verhältnis und bilden eine unsichtbare, aber wirksame Sphärenharmonie. Musik meint im mittelalterlichen Denken deshalb nicht nur hörbare Klänge, sondern vor allem eine zahlenhafte und proportionale Ordnung, die dem ganzen Sein zugrunde liegt. Diese Ordnung zeigt sich im Kosmos, im Menschen und in der tatsächlich erklingenden Musik. So gehören Weltordnung, Mensch und Gesang eng zusammen.

Hildegard übernimmt diese Denkweise, gibt ihr aber eine eigene Prägung. Schlüsselbegriffe ihres Denkens sind Harmonie und Symphonie. Für sie ist nicht nur die Welt von Gott harmonisch geschaffen, sondern auch die menschliche Seele. Die Seele ist ihrer Natur nach auf Klang und Harmonie hin angelegt. Deshalb hat Musik für den Menschen nicht nur ästhetische Bedeutung, sondern betrifft sein innerstes Wesen. Im Singen drückt der Mensch etwas aus, das seiner von Gott gegebenen Natur entspricht.

Besonders deutlich wird dies im Brief Hildegards an die Mainzer Prälaten aus den Jahren 1178 und 1179. Anlass war ein Konflikt um ein kirchliches Begräbnis, der dazu führte, dass über ihr Kloster ein Interdikt verhängt wurde. Dadurch durfte das Stundengebet nicht mehr gesungen, sondern nur gesprochen werden. Für Hildegard war dies ein schwerer Eingriff. Der Artikel zeigt, dass sie das Singen nicht als bloße Ausschmückung des Gebets ansieht, sondern als notwendige Form des Gotteslobes. Nur im Gesang kann die Kirche nach ihrer Auffassung ganz an der himmlischen Liturgie teilnehmen. Das Singen verbindet die Menschen mit den singenden Engeln. Besonders im Sanctus der Messe wird diese Gemeinschaft von Himmel und Erde sichtbar.

Darüber hinaus betont der Artikel, dass das Singen auch dem Menschen selbst dient. Weil die Seele harmonisch geschaffen ist, vermag Musik die inneren Kräfte des Menschen zu wecken, zu formen und zu heilen. Gesang kann verhärtete Herzen erweichen, Reue hervorrufen und die Seele für Gott öffnen. Musik wirkt also zugleich geistlich, emotional und leiblich. Wer singt, beteiligt nicht nur den Verstand, sondern den ganzen Menschen. Darin zeigt sich Hildegards ganzheitliches Menschenbild.

Ein weiterer Schwerpunkt des Artikels ist Hildegards Deutung des Sündenfalls. Der Mensch hat durch die Sünde die ursprüngliche Gemeinschaft mit Gott und den Engeln verloren. Adam sang vor dem Fall mit den Engeln das Lob Gottes. Mit dem Ungehorsam ging diese Teilhabe an der himmlischen Harmonie verloren. Seitdem lebt der Mensch in einer Art Entfernung von seiner eigentlichen Heimat. Dennoch bleibt in ihm die Sehnsucht nach dieser verlorenen Harmonie lebendig. Gerade deshalb ist das Singen eine Gnadengabe. Es ermöglicht dem Menschen, sich an seine himmlische Herkunft zu erinnern und den Weg zu Gott wieder zu suchen.

Gott selbst erscheint bei Hildegard als Ursprung aller Musik. Durch den Heiligen Geist ist die Schöpfung klangvoll belebt, und der Gesang der Kirche ist Widerhall dieser himmlischen Harmonie. In ihren Liedern und in ihrem Mysterienspiel zeigt Hildegard, dass nicht nur Menschen, sondern die ganze Schöpfung Gott lobt. Nationen, Elemente und himmlische Mächte stimmen in dieses Lob ein. Musik ist deshalb Ausdruck einer umfassenden Schöpfungsordnung, die auf Gott zurückweist.

Der Teufel erscheint in diesem Zusammenhang als Gegenbild zur göttlichen Harmonie. Er zerstört Ordnung, Maß und Einklang. Im Gegensatz zu den himmlischen Mächten kann er nicht singen. Im Ordo Virtutum ist er die einzige Figur, die nicht singt, sondern nur schreit und faucht. Damit wird deutlich, dass das Böse nicht nur moralisch, sondern auch als Zerstörung von Harmonie verstanden wird. Wo Gotteslob unterdrückt wird, droht der Mensch sich von seiner eigentlichen Bestimmung zu entfernen.

Der Artikel zeigt außerdem, dass Hildegard sich selbst als Werkzeug Gottes versteht. In ihren Visionen sieht sie Bilder und hört zugleich Musik. Sie empfängt göttliche Botschaft also als eine Verbindung von Sehen und Hören. Anders als viele andere mystische Berichte betont Hildegard dabei ihre innere Wachheit und Klarheit. Sie kann das Geschaute und Gehörte später bewusst deuten und in Sprache und Musik umsetzen. Ihre Kompositionen sind deshalb nicht bloß künstlerische Werke, sondern Ausdruck ihrer theologischen und visionären Erfahrung.

Zum Schluss beschreibt der Beitrag Hildegard als singende Seherin und als pädagogische Gestalterin klösterlichen Lebens. Ihre Gesänge und das Mysterienspiel Ordo Virtutum dienten nicht nur der Liturgie, sondern auch der geistlichen Bildung ihrer Gemeinschaft. Durch das Singen sollten die Mitschwestern die Auseinandersetzung zwischen heilenden und zerstörerischen Kräften innerlich und leiblich erfahren. Musik wird so zu einem Mittel geistlicher Formung und Einübung in den Glauben.

Insgesamt macht der Artikel deutlich, dass Musik bei Hildegard von Bingen eine zentrale theologische Bedeutung hat. Sie ist Widerhall der Schöpfung, Ausdruck der Seele, Form des Gotteslobes, Zeichen der himmlischen Herkunft des Menschen und Brücke zwischen Erde und Himmel.

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