Der Artikel analysiert die Madrassah-Bildung (islamische Schulen) in Indien, Pakistan und Bangladesch und hinterfragt die dominante Perspektive in Forschung und Politikgestaltung, die Madrassahs primär als modernisierungsbedürftige Institutionen betrachtet. Die Autoren kritisieren die weit verbreitete Annahme, dass unreformierte Madrassahs mit Radikalisierung verbunden sind, eine Verbindung, die im öffentlichen Diskurs stark präsent ist, aber einer kritischen Überprüfung nicht standhält. Stattdessen argumentieren sie dafür, Madrassahs in ihren eigenen Begriffen zu verstehen. Der Artikel zeigt, dass Madrassahs eine vielfältige Landschaft bilden – von staatlich geförderten bis zu gemeinschaftsgestützten Institutionen – die eine Vielzahl religiöser und sozialer Funktionen erfüllen. Die Autoren nutzen Wittgensteins Konzept des Sprachgebrauchs und Edward Saids Konzept der "textuellen Haltung", um zu demonstrieren, wie Politikdiskurse von gelebten Realitäten abgekoppelt sind. Sie diskutieren ausführlich die Reformbemühungen in den drei Ländern und zeigen, dass selbst initiierte Reformen innerhalb von Madrassahs – etwa die massive Expansion von Mädchen-Madrassahs – oft übersehen werden. Ein Schlüsselbeitrag ist die Erkenntnis, dass Madrassah-Absolventen, insbesondere in informellen Wirtschaftssektoren tätig, religiöses Wissen als Ressource für Resilienz und Sinnstiftung nutzen. Die Autoren illustrieren dies mit Beispielen, wie religiöse Kosmologien Menschen helfen, Krisen zu bewältigen und Bedeutung in prekären Lebenssituationen zu finden. Sie argumentieren für einen demokratischen Dialog zwischen Staat und Gemeinden statt paternalistischer Reformpolitik und befürworten, dass der Staat materielle Unterstützung bereitstellt, ohne inhaltliche Kontrolle über Lehrpläne auszuüben.