Thorsten Knauth untersucht die aktuelle Wahrheitsfrage im Religionsunterricht vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Fragmentierung, Pluralisierung religiöser Geltungsansprüche und des Verlusts der Deutungshoheit des Christentums. Der Autor identifiziert drei zentrale Dilemmata: Das Positionalitätsdilemma beschreibt die Spannung zwischen der Vermittlung wahrer Sätze konfessioneller Positionen und der Notwendigkeit, die Schüler/-innen ernst zu nehmen. Das Relativitätsdilemma entsteht durch die starke Subjektivierung von Religion bei christlichen Jugendlichen, die normative Wahrheitsansprüche relativieren. Das Exklusivitätsdilemma tritt bei muslimischen Jugendlichen auf, die Religion als normativ bindend verstehen und andere Perspektiven ausschließen. Knauth illustriert mit einem Unterrichtsbeispiel (Debatte über das Verhalten der Jünger beim Verrat Jesu), wie dialogisches Lernen gelingen kann, wenn existenzielle Fragen in den Mittelpunkt rücken und eine kontinuierliche Beziehungsarbeit stattfindet. Im theologischen Teil entwickelt der Autor ein relationales Wahrheitsverständnis, das auf drei Merkmalen basiert: Wahrheit hat Subjektbezug und gründet in Beziehungsgeschehen; Wahrheit verstellt sich als Erfahrungszusammenhang und Begegnung; Wahrheit führt zu interpretierter und begründeter Praxis. Diese Merkmale charakterisieren religiöse Wahrheit universell. Der Autor diskutiert zwei Positionen interreligiöser Theologie: Schmidt-Leukels transformatorisches Modell eines mehrperspektivischen Dialogs und Bernhardts mutualen Inklusivismus, der Differenz wahrt. Abschließend plädiert Knauth dafür, Religionsunterricht als theologische Werkstatt und Raum der Verständigung zu verstehen, in dem Bescheidenheit in Wahrheitsfragen ein religionspädagogischer Habitus wird.