Der Artikel untersucht, wie das Thema Barmherzigkeit im Islam und im Christentum gegenwärtig neu an Bedeutung gewinnt. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich mit Mouhanad Khorchide und Walter Kardinal Kasper im selben Zeitraum zwei bedeutende Theologen aus verschiedenen Religionen intensiv mit der Barmherzigkeit beschäftigt haben. Darin sieht der Text keine zufällige Parallele, sondern ein Zeichen dafür, dass beide Religionen auf ähnliche Herausforderungen der Gegenwart reagieren. In säkularen westlichen Gesellschaften wird Religion häufig mit Angst, Drohung, Gericht und moralischer Strenge verbunden. Deshalb stellt sich die Frage, ob die Wiederentdeckung der Barmherzigkeit eine Antwort auf diese Krise religiöser Glaubwürdigkeit sein kann.
Im Blick auf den Islam konzentriert sich der Artikel vor allem auf Mouhanad Khorchide und sein Buch über einen Islam der Barmherzigkeit. Khorchide versteht seine Theologie als Gegenentwurf zu einer weit verbreiteten Theologie des Gehorsams und der Angst. Er betont, dass Gott im Koran vor allem als barmherzig beschrieben wird und dass diese Eigenschaft das Zentrum des islamischen Gottesbildes sein müsse. Zugleich zeigt der Artikel, dass diese Sicht in der islamischen Theologiegeschichte nicht selbstverständlich war. In der prägenden Tradition der Aschariya wurde Gott vielfach als absoluter Herrscher gedacht, dessen Wille keiner ethischen Bindung unterliegt. Dadurch sei das Bild eines willkürlich handelnden Gottes entstanden, bei dem weder menschliche Freiheit noch göttliche Gerechtigkeit ausreichend zur Geltung kommen. Khorchide stellt dieser Entwicklung die rationalere Tradition der Mutaziliten gegenüber, in der Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit enger zusammengehören.
Der Artikel macht deutlich, dass Khorchides Ansatz nicht nur nach außen gerichtet ist, um der Mehrheitsgesellschaft einen modernen Islam zu präsentieren. Er will auch innerhalb des Islam eine Erneuerung anstoßen. Deshalb entwickelt er das Verhältnis zwischen Gott und Mensch als Liebesbeziehung. Gott zwingt den Menschen nicht, sondern lädt ihn in Freiheit in die Gemeinschaft mit sich ein. Auf diese Weise verbindet Khorchide islamische Theologie mit Begriffen wie Liebe, Gewissen, Freiheit und Verantwortung. Der Artikel hebt hervor, dass Khorchide damit an Denkformen anschließt, die in der christlichen Theologie bereits länger ausgearbeitet wurden. Zugleich verwischt sein Ansatz in gewisser Weise die Grenzen zwischen den monotheistischen Religionen, weil ethisch richtiges Handeln und Offenheit für Gottes Liebe stark betont werden.
Für das Christentum stellt der Artikel Walter Kaspers Buch über die Barmherzigkeit in den Mittelpunkt. Kasper zeigt, dass die Barmherzigkeit zwar ein zentrales Thema der Bibel ist, in der dogmatischen Theologie aber lange eher am Rand stand. Stattdessen dominierten Vorstellungen von Allmacht, Allwissenheit und Gerechtigkeit Gottes. Der Artikel weist darauf hin, dass daraus in der kirchlichen Praxis problematische Entwicklungen entstanden sein könnten, etwa eine strenge und angstmachende Frömmigkeit. Anders als Khorchide beschreibt Kasper diese Fehlentwicklung jedoch weniger direkt. Als Ursache nennt er vor allem theologische Traditionen seit Augustinus, insbesondere die Lehre von der doppelten Prädestination.
Im christlichen Teil arbeitet der Artikel heraus, dass Barmherzigkeit nicht einfach Mitleid meint, sondern das tätige Entgegengehen gegenüber Leid und Mangel. Gott leidet nicht passiv mit, sondern handelt dem Leiden entgegen. Diese Sicht wurzelt nach Kasper in der Bibel, besonders in den Prophetenschriften und Psalmen, und findet ihren Höhepunkt in Jesus. Daraus sei auch die christliche Tradition der Kranken und Armenfürsorge entstanden. Zugleich wird Barmherzigkeit nicht nur als innerchristliches Thema verstanden, sondern als etwas, das auch philosophisch und allgemein menschlich nachvollziehbar ist.
Ein wichtiger Vergleichspunkt zwischen beiden Religionen ist die Frage nach Gottes Gericht und dem Ende des Menschen. Der Artikel zeigt, dass sowohl Kasper als auch Khorchide die Barmherzigkeit nicht gegen die Gerechtigkeit ausspielen, sondern neu mit ihr verbinden wollen. Bei Kasper bleibt Gottes Gericht ernst, aber es wird durch die Achtung vor der menschlichen Freiheit und durch die Hoffnung auf Reinigung und Vollendung bestimmt. Deshalb gewinnt die Vorstellung des Fegefeuers eine neue Bedeutung als Ausdruck göttlicher Geduld und Barmherzigkeit. Auch Khorchide denkt das Gericht von der Barmherzigkeit her. Er entwickelt die Hoffnung, dass Gottes Barmherzigkeit letztlich stärker ist als die Verdammnis, und beschreibt das Jenseits als einen Weg der Verwandlung hin zur Gemeinschaft mit Gott. Damit ergeben sich deutliche Parallelen zu christlichen Hoffnungsmodellen.
Insgesamt kommt der Artikel zu dem Ergebnis, dass sich in beiden Religionen eine Annäherung im theologischen Denken zeigt. Christentum und Islam stehen vor ähnlichen Grundfragen, wenn sie in modernen Gesellschaften bestehen wollen. Sie müssen erklären, wie Gottes Gerechtigkeit, Liebe, Freiheit und Barmherzigkeit zusammengehören und wie der Mensch als freies, verletzliches und fehlbares Wesen verstanden werden kann. Die Barmherzigkeit erscheint dabei als entscheidender Prüfstein. Sie wird im Artikel als eine zentrale Kategorie dargestellt, an der sich zeigt, ob Religion heute als lebensfördernd, menschenfreundlich und dialogfähig wahrgenommen werden kann.