Der Artikel stellt die Fundamentaltheologie von Gerd Neuhaus vor und zeigt, wie Vernunft und Glaube miteinander in Beziehung stehen. Neuhaus versucht, beide nicht gegeneinander auszuspielen, sondern als gegenseitig herausfordernde Möglichkeiten des menschlichen Erkennens zu verstehen. Vernunft kann kritische Fragen an den Glauben stellen, während der Glaube zugleich die Grenzen der Vernunft sichtbar macht.
Im ersten Teil wird die Frage nach Gott aus der Perspektive der menschlichen Vernunft betrachtet. Neuhaus argumentiert, dass Menschen beim Nachdenken über die Welt immer wieder auf die Idee eines Größeren stoßen. Wenn Menschen die Welt als chaotisch erleben, setzen sie gleichzeitig voraus, dass es etwas geben muss, das über dieses Chaos hinausweist. Auch das grundlegende Vertrauen in die Welt, das Menschen schon als Kinder entwickeln, verweist auf eine solche Idee. Philosophisch knüpft Neuhaus dabei unter anderem an Anselm von Canterbury und Immanuel Kant an. Beide zeigen, dass die Vernunft in ihrem Denken an Grenzen stößt und Gott als notwendige Idee postuliert. Gleichzeitig bleibt offen, ob diese Idee wirklich der Realität entspricht oder eine Täuschung sein könnte.
Diese Frage wird durch die Religionskritik von Friedrich Nietzsche zugespitzt. Nietzsche erklärt Religion aus menschlichen Bedürfnissen und bestreitet ihre Wahrheit. Neuhaus zeigt jedoch, dass auch diese Kritik in Widersprüche gerät. Nietzsche kritisiert moralische Systeme als Ausdruck von Ressentiment, nimmt dabei aber selbst eine überlegene moralische Position ein. Dadurch reproduziert er genau jene Struktur der moralischen Abwertung, die er kritisiert. Neuhaus deutet diese Widersprüchlichkeit als Ausdruck der Sünde. Sünde zeigt sich demnach darin, dass Menschen ihre eigene Identität sichern, indem sie andere abwerten.
Im zweiten Teil untersucht Neuhaus die Bibel. Besonders wichtig ist dabei die Deutung des Sündenfalls. Die biblische Erzählung vom Essen vom Baum der Erkenntnis beschreibt nach Neuhaus nicht einfach einen historischen Anfang, sondern eine grundlegende Struktur menschlichen Handelns. Der Wunsch nach moralischer Überlegenheit führt zu Rivalität und Gewalt. Misstrauen und Konkurrenz setzen Prozesse in Gang, die schließlich zu Feindschaft und Gewalt führen. Die Geschichte von Kain und Abel zeigt diese Dynamik besonders deutlich. Die Lehre von der Erbsünde beschreibt deshalb die Einsicht, dass Menschen zwar frei handeln können, aber gleichzeitig eine starke Neigung zum Bösen besitzen.
Neuhaus verbindet diese Deutung mit anthropologischen und ethnologischen Beobachtungen. In vielen Gesellschaften bilden Menschen Gruppen, die sich von anderen Gruppen abgrenzen. Dieses Ingroup Outgroup Verhalten führt häufig zu Feindbildern und Gewalt. Auch religiöse Traditionen können in solche Strukturen verwickelt sein. In der Geschichte Israels zeigt sich zunächst ein Gottesbild, das eng mit dem eigenen Volk verbunden ist. Erst später entwickelt sich ein universaler Monotheismus, der alle Menschen als Geschöpfe Gottes versteht.
Im Blick auf Jesus wird deutlich, dass er diese Dynamik der moralischen Selbstüberhöhung kritisiert. Jesus kritisiert nicht nur bestimmte Gruppen, sondern die grundsätzliche menschliche Tendenz, sich selbst moralisch zu erhöhen und andere abzuwerten. Seine Botschaft der Barmherzigkeit stellt diesem Muster eine andere Haltung gegenüber. Jesus vergibt sogar seinen Feinden und verweigert die Logik von Gewalt und Gegengewalt. In diesem Verhalten zeigt sich nach Neuhaus die wahre Moral. Mit Hilfe der mimetischen Theorie erklärt Neuhaus auch das Kreuz. Jesus wird zum Opfer der Gewalt seiner Gegner, doch durch seine Vergebung durchbricht er den Kreislauf von Rivalität und Vergeltung. Das Kreuz wird deshalb zum Zeichen der bedingungslosen Liebe Gottes.
Im dritten Teil geht es um die Kirche. Die Kirche setzt die Sendung Jesu in der Geschichte fort und wird als Leib Christi verstanden. Gleichzeitig bleibt sie eine Gemeinschaft von Menschen, die selbst von der Sünde geprägt sind. Deshalb ist die Kirche zugleich heilig und sündig. Ihre Geschichte zeigt immer wieder Spannungen zwischen ihrem Anspruch und ihrer tatsächlichen Praxis. Beispiele dafür sind die Entwicklung zur Staatskirche, der Investiturstreit, die Reformation oder kirchliche Dogmen. Neuhaus betont deshalb, dass der Wahrheitsanspruch der Kirche immer auch selbstkritisch verstanden werden muss. Die Kirche bezeugt eine Wahrheit, über die sie nicht vollständig verfügt.
Für den Dialog mit anderen Religionen bedeutet dies, dass auch außerhalb des Christentums Elemente von Wahrheit und Gnade vorhanden sein können. Die Kirche kann ihren Anspruch daher nur in einer Haltung der Demut vertreten.
Der Artikel endet mit der zentralen These der Fundamentaltheologie von Neuhaus. Sünde zeigt sich vor allem in der menschlichen Tendenz, die eigene Identität durch Abwertung anderer zu sichern. Dieses Muster findet sich in persönlichen Beziehungen ebenso wie in gesellschaftlichen Konflikten und politischen Auseinandersetzungen. Die christliche Botschaft bietet eine andere Perspektive. In Jesus zeigt sich eine Form menschlichen Handelns, die nicht auf Gewalt, Rivalität oder moralischer Überlegenheit beruht. Aus der Perspektive des Glaubens wird Jesus deshalb zum entscheidenden Vorbild für ein versöhntes menschliches Zusammenleben.