Wie lenken biblische Erzähltexte ihre Leser emotional? Der Artikel präsentiert eine systematische Methodik zur Analyse emotiver Leserlenkung in narrativen Bibeltexten und bietet damit ein analytisches Werkzeug für exegetische Arbeit. Der Autor klärt zunächst grundlegende Prämissen: Welche Emotionen sind im Text explizit genannt oder nur implizit kodiert? Welche Emotionen soll der Text bei seinen Rezipierenden auslösen? Und wie unterstützen diese Emotionen die ethische Botschaft des Textes? Diese Fragen bilden das Fundament einer „emotiven Heuristik", die narratologische Methoden mit emotionspsychologischem Wissen verbindet. Am Beispiel des Gleichnisses vom großen Gastmahl (Lukas 14,15–24) wird die praktische Anwendung exemplarisch entfaltet: Der Begriff μακάριος („glückselig") zu Beginn lädt die gesamte Erzählung emotional auf und markiert das Thema der angemessenen Freude über Gottes Einladung. Der Zorn des Hausherrn und die hartherzig wirkenden Entschuldigungen der Gäste verdeutlichen dagegen, was es bedeutet, diese Einladung auszuschlagen. Die Methodik berücksichtigt auch die Unterscheidung zwischen implizitem und realem Autor sowie die Frage, wie Textgestaltung (direkte Rede, Distanzverringerung) Leserreaktionen lenkt – etwa wenn Lukas die Entschuldigungen sympathischer darstellt als Matthäus, wodurch die Ernsthaftigkeit der Ablehnung intensiviert wird. Abschließend werden Implikationen für Religions- und Konfirmandenunterricht skizziert, wo diese Analyseperspektive Schülern hilft, die emotionale Tiefe biblischer Texte zu erfassen und deren theologische Pragmatik zu verstehen.