Wie strukturieren Hochschullehrende ihre Lehrveranstaltungen zum interreligiösen Lernen? Der vorliegende Beitrag untersucht diese Frage durch die Analyse von Mindsets guter Hochschullehre und deren Verknüpfung mit Mindsets religiöser Pluralität. Aufbauend auf einer Vorgängerstudie von Kamcili-Yildiz und Dobras (2022) werden hier die handlungsleitenden Denkformen rekonstruiert, die Lehrende bei der Gestaltung von Veranstaltungen zu anderen Religionen aktivieren.
Der Beitrag arbeitet konzeptionell heraus, dass zwischen Mindsets religiöser Pluralität und Mindsets guter Lehre strukturelle Zusammenhänge bestehen, gleichzeitig aber der konkrete Handlungskontext Hochschullehre diese formt. Als analytisches Konstrukt werden Mindsets von persönlichen Präkonzepten unterschieden: Sie sind überindividuelle, in sozialen Diskursen gebildete und konsistente Denkformen, die als Diskurspositionen im Plural auftreten. Dies ermöglicht es, gesellschaftlich relevante Themen wie interreligiöse Pluralität in stabilen sprachlichen Wissensstrukturen zu erfassen.
Methodisch basiert die Untersuchung auf leitfadengestützten Interviews mit Hochschullehrenden, die mittels inhaltsanalytischer Auswertung nach Mayring ausgewertet wurden. Das Codesystem wurde induktiv erweitert: Neben der Hauptkategorie „Auffassung der Lehraufgabe" mit ihren Subkategorien (Instruktion, Konstruktion, dialogische Lehrhaltung, Austausch und Begegnung, Positionierung) wurden die Hauptkategorien „Zielauffassung von Hochschullehre" und „Auffassung der eigenen Dozierendenrolle" neu entwickelt. Die Zielauffassung konkretisiert sich in den Subkategorien Vermittlung deklarativen Wissens, praktische Vorbereitung auf den Lehrberuf, praktizieren von Dialog und Erwerb religiöser Kompetenz.
Das Konstrukt Mindset bietet methodisch den Vorteil, dass damit stabile Strukturen erfasst werden können, ohne Individuen als unveränderlich festzuschreiben. Vielmehr werden gesellschaftlich stabilisierte Positionen und Begründungsfiguren rekonstruiert, auf die sich konkrete Akteure beziehen. Der Beitrag betont, dass Mindsets zwar notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen für Handlungsoptionalität darstellen. Um von Mindsets auf tatsächliches Lehrhandeln zu schließen, sind eigene Analysen der Praxis erforderlich. Die Analyse der Mindset-Profile ermöglicht es jedoch, einzusehen, wie Lehrende ihre Lehre konzeptionieren und wie diese Konzeptionierungen mit professionellen Handlungsvorstellungen vermittelt sind.