Heilige Schriften gehören zum Kernbestand des Religionsunterrichts – doch ihre didaktischen Versionen für Kinder werden oft mit der falschen Brille gelesen. Ein neuer Artikel zeigt exemplarisch, wie Lehrkräfte und Schüler:innen Missverständnisse erleben, weil sie die spezifischen pädagogischen und hermeneutischen Ansätze der jüdischen, christlichen und muslimischen Religionspädagogik nicht kennen. Ein Beispiel: Die Kindertora erzählt vom Turmbau zu Babel anders als die christliche Bibel – sie integriert Midraschim, rabbinische Auslegungstraditionen, ohne dies kenntlich zu machen. Ein anderes: Eine moderne Kinderbibel nutzt queer-theologische Sprache, um Vielfalt im Gottesbild auszudrücken – eine Lesart, die Viertklässler:innen irritiert. Und beim Kinderkoran wird übersehen, dass die Suren nach Länge, nicht nach Thema geordnet sind, was seine didaktische Struktur grundlegend von christlichen Bibelausgaben unterscheidet.
Der Artikel argumentiert für eine notwendige Sensibilisierung: Lehrkräfte müssen die religionsspezifischen Besonderheiten verstehen, um didaktische Heilige Schriften sachkundig einzusetzen. Das Feld ist geprägt von einer evangelischen Dominanz – während Bibeldidaktik etabliert ist, fehlen wissenschaftliche Forschungen zur Kindertoradidaktik und Kinderkorandidaktik weitgehend. Der Beitrag will diese Lücke adressieren und zeigen, warum interreligiöses Lernen mit Heiligen Schriften einer neuen, nicht-westlich-zentrierten Perspektive bedarf.