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Eulenfisch

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Religiöse Wahrheitsansprüche

Veröffentlichung:1.1.2015

Der Fachartikel „Religiöse Wahrheitsansprüche“ von Gerd Neuhaus ist im Heft ru heute unter dem Titel „Religiöse Wahrheitsansprüche“ enthalten. Der Artikel umfasst 5 Seiten. Er behandelt theologische Probleme wie den Zusammenhang von Religion und Gewalt, den Missbrauch religiöser Wahrheitsansprüche zur Rechtfertigung von Ausschluss und Vertreibung, die biblische Deutung von Sünde, die Bedeutung Jesu Christi für die Kritik an Gewaltmechanismen sowie die Frage nach dem Versagen des Christentums an seiner eigenen Wahrheit. Die Hauptaussage lautet, dass der christliche Wahrheitsanspruch nicht zur Herrschaft über andere dienen darf, sondern zur selbstkritischen Aufdeckung menschlicher Gewaltbereitschaft.

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Der Artikel setzt bei der Frage an, ob religiöse Wahrheitsansprüche zwangsläufig Gewalt hervorbringen. Ausgangspunkt ist die These der pluralistischen Religionstheologie, dass exklusive Wahrheitsansprüche ein hohes Gewaltpotential besitzen. Wer meint, allein den wahren Weg zum Heil zu kennen, könnte versucht sein, andere notfalls mit Gewalt auf diesen Weg zu bringen. Der Autor hält jedoch dagegen, dass religiöse Wahrheitsansprüche oft nur der ideologische Überbau ganz anderer Interessen sind, etwa von Macht, Herrschaft und Besitz. Gewalt entsteht also nicht einfach aus Religion selbst, sondern aus menschlichen Mechanismen der Bemächtigung.

Zur theologischen Vertiefung deutet der Autor die Sündenfallerzählung. Er versteht die Erkenntnis von Gut und Böse nicht nur als Gewinn, sondern auch als Gefahr. Wer das Gute oder das Böse erkennt, gerät leicht in Versuchung, sich dieses Wissen anzueignen und es für die eigene Macht zu nutzen. Dadurch entstehen Rivalität, Feindschaft und Gewalt. Schon die biblische Urgeschichte zeigt diesen Zusammenhang, weil auf den Sündenfall die Geschichte von Kain und Abel folgt. Aus Konkurrenz und verletzter Selbstbehauptung wird tödliche Gewalt. Der Autor sieht darin ein Grundmuster menschlicher Existenz.

Anschließend weitet der Text den Blick auf Religions und Geistesgeschichte. Gewalt ist nach Auffassung des Autors nicht nur ein Problem religiöser Traditionen. Auch aufgeklärte, ausdrücklich nicht religiöse Wahrheitsansprüche haben Gewalt hervorgebracht. Genannt werden Beispiele aus der europäischen Aufklärung, aus der Französischen Revolution und aus politischen Ideologien der Neuzeit. Dadurch soll deutlich werden, dass Gewalt tiefer im Menschen verwurzelt ist und nicht einfach durch die Abschaffung von Religion überwunden wird.

Mit Hilfe von René Girards Modell des mimetischen Dreiecks beschreibt der Autor, wie Gewalt entsteht. Menschen begehren Dinge, Ziele oder Werte nicht nur aus sich selbst heraus, sondern in Nachahmung anderer. Daraus entstehen Rivalitäten. Gemeinschaften stabilisieren sich dann oft dadurch, dass sie einen Dritten ausschließen oder zum Sündenbock machen. Ausschluss, Vertreibung und Gewalt erscheinen so als grundlegende soziale Mechanismen. Religion ist in diesem Zusammenhang nicht der Ursprung der Gewalt, sondern ein Bereich, in dem sich menschliche Gewaltbereitschaft besonders deutlich zeigen kann.

Der spezifische Beitrag des Christentums liegt für den Autor darin, diese Mechanismen aufzudecken. Er sieht in der Bibel und vor allem in Jesus Christus ein besonderes Aufklärungspotential. In Jesus werde der Wille Gottes nicht nur in einem Gesetz oder in Schrift vermittelt, sondern leibhaftig im Menschen sichtbar. Dadurch werde deutlich, wie sehr Menschen selbst das Gute in Besitz nehmen wollen und dadurch wieder in Rivalität und Gewalt geraten. Jesus steht für eine Einheit von göttlichem Willen und menschlichem Leben, die nicht von Bemächtigung bestimmt ist.

Gerade deshalb wird Jesus nach dieser Deutung zum Opfer von Neid, Rivalität und Ausschluss. Der Autor erklärt dies mit mehreren Motiven. Jesu Vollmacht weckt Ablehnung bei denen, die sich über religiöse Leistung und Abgrenzung definieren. Seine Existenz stellt bestehende Ordnungen in Frage und führt sogar Gegner zusammen, weil sie sich gegen ihn verbünden. Schon seine Geburt steht unter dem Zeichen des Ausschlusses, weil in der Herberge kein Platz für ihn ist. Auch die Flucht und schließlich das Kreuz zeigen, dass Jesus die Gewalt auf sich nimmt, die er zugleich entlarvt.

Im vorletzten Teil zieht der Autor eine selbstkritische Bilanz des Christentums. Seine Größe besteht darin, die menschliche Neigung zu Gewalt, Ausschluss und Vertreibung aufzudecken. Sein Elend besteht darin, dass es selbst immer wieder an dieser Wahrheit scheitert. Schon die Jünger Jesu streiten um Rang, Größe und Zugehörigkeit. Auch die Kirche bleibt daher von denselben Versuchungen betroffen, die sie eigentlich kritisieren sollte.

Deshalb plädiert der Autor für eine Form christlicher Wahrheitsverkündigung, die das eigene Versagen mit bedenkt. Wahrheit darf nicht als Machtanspruch gegenüber anderen auftreten. Sie muss so bezeugt werden, dass klar wird, dass sie den Glaubenden selbst in Frage stellt. Nur so kann verhindert werden, dass hohe moralische Ansprüche in harten Moralismus umschlagen. Am Ende fordert der Artikel deshalb mehr Aufmerksamkeit für die Lehre von der Sünde und besonders für die Erbsünde. Sie erinnert daran, dass Gewalt und Ausgrenzung nicht nur bei den anderen liegen, sondern in jedem Menschen angelegt sind.

Rheinland-Pfalz

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Sekundarstufe II | 12/2 Gutes Handeln unter dem Anspruch des Christseins

12.2 / 1. Grundzüge christlicher Moral im Kontext philosophischer Ethik.

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