Die liturgische Sprache ist der zentrale Ort, an dem sich eine Glaubensgemeinschaft selbst vergewissert und ihren Glauben buchstabiert. In der römisch-katholischen Kirche zeigt sich hier ein massiver Graben zwischen theologischer Forschung und kirchlicher Praxis: Exegetische Erkenntnisse finden nur verzögert Eingang in die Liturgie, während zentral vorgegebene Texte – von der Leseordnung bis zu Gebetsformulierungen – die biblische Vielfalt systematisch einengen und nach dogmatischen Kriterien vereindeutigen.
Das zentrale Problem liegt in einer systemstabilisierenden Gottesrede, die Herrschaftsstrukturen legitimiert und aus der Perspektive einer privilegierten Gruppe formuliert wird. Die Liturgischen Kommissionen treffen verbindliche Entscheidungen, bleiben aber für die Gläubigen unsichtbar und müssen ihre Vorgaben nicht begründen – es gibt keine effektiven Widerspruchsmöglichkeiten. Diese Machtstruktur führt zu einer massiven Verarmung der liturgischen Sprache: Gott wird ausschließlich in den Rollen von Herrscher, König und Vater dargestellt, wobei diese Bilder nicht mehr als analoge Rede, sondern als unmittelbare Wirklichkeit wahrgenommen werden. Ein solch verengtes, patriarchales Gottesbild kombiniert mit einem ebenso begrenzten Menschenbild kann widersprüchliche, mehrdeutige und dissonante menschliche Erfahrungen nicht integrieren und wird diesen letztlich nicht gerecht. Die schöpferische Vielfalt Gottes und die Abgründigkeit angesichts menschlicher Gewalterfahrung kommen in dieser Sprachform gar nicht zur Sprache.