Der Artikel analysiert das Schweigen über Missbrauch in der katholischen Kirche mittels des philosophischen Konzepts der epistemischen Ungerechtigkeit nach Miranda Fricker. Betroffene Frauen werden systematisch daran gehindert, ihre Erfahrungen zu deuten und darüber auszutauschen – eine grundlegende menschliche Fähigkeit, deren Verwehrung die persönliche Würde verletzt. Der Text untersucht zwei Dimensionen dieser Ungerechtigkeit: Bei der Zeugnisungerechtigkeit werden Frauen als unglaubwürdige Zeuginnen ihrer eigenen Erfahrungen behandelt. Konkrete Fälle zeigen, wie Vertrauenspersonen sexuelle Übergriffe leugnen oder den Opfern Mitschuld geben – Reaktionen, die in patriarchalen Denkstrukturen der Kirche wurzeln. Diese jahrhundertealten Strukturen schließen Frauen systematisch von Wissensproduktion aus und diskreditieren ihre Glaubwürdigkeit.
Die zweite Dimension, hermeneutische Ungerechtigkeit, betrifft die fehlende Mitsprache bei der Definition von Missbrauch selbst. Nur männliche Kirchenvertreter bestimmten lange Zeit den offiziellen Diskurs und damit, was als Recht oder Unrecht gilt. Frauen hatten keine Möglichkeit, ihre Erfahrungen und Gerechtigkeitsvorstellungen einzubringen. Dies führt dazu, dass zentrale Aspekte von Missbrauch – etwa die Rolle von Machtstrukturen und der Unfähigkeit, sich gegen Autoritätspersonen zu widersetzen – unsichtbar bleiben. Der Ausschluss aus diesem interpretativen Prozess ist selbst schon eine Ungerechtigkeit und verhindert gleichzeitig die notwendige Aufklärung und Anerkennung des erlittenen Leids.