Bernd-Jochen Hilberath setzt beim Eindruck einer gegenwärtigen „Gotteskrise“ an: In einer Zeit, in der Atheismus – kämpferisch oder gleichgültig – zunimmt, müssen Christen Rechenschaft über den Kern ihres Glaubens geben. Dabei verschärft sich die Frage durch die kirchliche Situation: Wie kann man heute überzeugend einen dreieinen Gott verkünden und zugleich selbstbewusst sagen, dies sei Monotheismus?
Zunächst thematisiert der Autor die Grundfrage, ob man überhaupt von Gott reden kann oder lieber schweigen sollte. Christliche Rede von Gott ist nach Hilberath nur möglich, weil Gott sich selbst offenbart und eine Beziehung zur Welt eingeht. Gott ist nicht nur Schöpfer, sondern bleibt in Beziehung: als Retter und Vollender. Zugleich ist Gott der „Ganz Andere“, der Verborgene, der sich entziehen kann; Theologie muss darum die Grenze ihrer Sprache mitdenken. Dennoch wäre Schweigen keine Lösung, weil sonst entweder vorschnell nicht mehr gedacht wird oder Menschen lautstark „im Namen Gottes“ reden und handeln, ohne kritisch überprüft zu werden. Eine wichtige Unterscheidung lautet: Über Gott „an sich“ können wir nichts verfügen; Gott begegnet uns als „Gott für uns“. Das bedeutet aber nicht, dass Gott nur Projektion wäre – es markiert vielmehr eine Grenze menschlicher Erkenntnis und Sprache.
Von hier aus stellt Hilberath die zentrale Trinitätsfrage: Ist die Rede vom „einen Gott in drei Personen“ eine unnötige Spekulation? Reicht es nicht, einfach von Gottes Beziehung zur Welt zu sprechen? Und führt die Trinitätslehre nicht leicht zu Missverständnissen – entweder zu einem faktischen Ein-Gott-Glauben ohne innere Dreifaltigkeit oder zu einem „Drei-Götter-Glauben“? Der Autor kritisiert außerdem eine problematische Tradition der Theologiegeschichte: Die Gotteslehre wurde oft aufgeteilt in „De Deo uno“ (über den einen Gott) und erst danach „De Deo trino“ (über den dreieinen Gott). Dadurch konnte der Eindruck entstehen, die Trinitätslehre bringe nichts Wesentliches hinzu oder sei bloße „höhere Mathematik“ bzw. naive Symbolik.
Hilberath erklärt dann, wie das christliche Bekenntnis zum dreieinen Gott tatsächlich entstanden ist: nicht aus Theorie, sondern aus einem Prozess von Erfahrung und Glaubenskommunikation in der frühen Gemeinde. Die maßgeblichen Formulierungen wurden später auf den Konzilien von Nizäa (325) und Konstantinopel (381) verbindlich ausgesprochen – und werden bis heute in Taufe und Gottesdienst bekannt. Entscheidend ist der „theologische Ort“, aus dem Christen sprechen: die konkrete Gotteserfahrung, die in Jesus von Nazareth sichtbar wurde, und die Erfahrung des Heiligen Geistes in der Gemeinde.
Für das trinitarische Gottesverständnis ist zuerst die Erfahrung Jesu selbst wichtig: Jesus lebte aus der Gotteserfahrung Israels, sprach von Gott als seinem Abba und verkörperte diese Gottesbeziehung bis in den Tod. Durch die Auferweckung verstanden die Jüngerinnen und Jünger: Der Schöpfergott hat sich zu Jesus als seinem Sohn und endgültigen Boten bekannt. Darum kann christliche Rede von Gott nie ohne Rede von Jesus sein. In der Auseinandersetzung mit streng monotheistischen Positionen mussten Christen klären, ob Jesus zur Seite Gottes oder zur Seite der Menschen gehört. Ihre Antwort wurde doppelt: Jesus ist wahrer Mensch (uns gleich außer der Sünde), und zugleich hat Gott selbst sich in ihm heilhaft mitgeteilt.
Hinzu kommt die Erfahrung des Heiligen Geistes. Die Jüngerinnen und Jünger erkannten im Rückblick und im gemeinsamen Glaubensvollzug (Gebet, Schrift, Feier des Mahls, Diakonie), dass Jesus im Geist Gottes handelte: Der Geist prägte sein Wirken, seine Treue in Versuchung und Leid, seine Heilungen und Befreiungen, sein Beten, sein Durchhalten in Gethsemane und sein Sterben im Vertrauen. Nach Ostern verstanden sie den Geist auch als Kraft der Auferweckung und als Weise, in der Gott selbst in der Gemeinschaft präsent wird. Diese Erfahrungen drängten die Gemeinde dazu, wenn sie von Gott spricht, zugleich von Vater, Sohn und Geist zu sprechen.
Der Autor betont, dass hinter dieser Entwicklung ein soteriologisches Grundanliegen steht: Nur Gott selbst kann retten und die gestörte menschliche Kommunikation heilen. Daraus folgt ein wichtiges Argument der alten Kirche: Nur wenn Gott wirklich selbst bei uns ankommt – unter uns und in uns –, ist Rettung möglich. Trinitarisch zu sprechen heißt deshalb nicht, den Monotheismus aufzulösen, sondern die Selbstmitteilung Gottes so auszudrücken, dass Gottes Gottsein dabei nicht verloren geht. Gegenüber einer antiken Philosophie, die Einheit oft nur als starre Einheit ohne innere Differenz denken konnte und „Herabstieg“ in die Welt als Abfall vom Göttlichen verdächtigte, hält der christliche Glaube fest: Gott kann in die Welt eingehen, ohne aufzuhören, Gott zu sein. Die Rede von Vater, Sohn und Geist ist damit eine symbolische Weise, das „kommunikative“, beziehungsfähige Wesen Gottes auszusagen – ohne Tritheismus.
Für die Gegenwart und den Dialog folgert Hilberath: Begriffe wie „Person“ sind hilfreich, aber auch begrenzt und missverständlich; im interreligiösen Dialog sollte man daher nicht mit Rechenmodellen (ein Gott – zwei – drei) operieren, sondern nach dem Anliegen eines Gottesbildes fragen. Als alternative Sprache schlägt er Bilder von Dynamik vor: Gott als Ursprung/Quelle, als exzentrische Bewegung des Aus-sich-Herausgehens (der Geist) und als konzentrierende Rückbewegung zur Mitte (Christus). So erscheint Gott als einer, der sich schenkt, hinausgeht zur Schöpfung und zugleich in die Gemeinschaft zurückführt – ohne auf das Andere angewiesen zu sein, aber frei und gnädig, sich dennoch auf die Menschen einzulassen.
Am Ende weitet Hilberath den Blick in Richtung Atheismus: Für ihn persönlich ist das Leben ohne Gott nicht „erfüllt“, weil er sein Leben als beschenkt erfahren hat. Er formuliert den Glauben weniger als Behauptung („Es gibt Gott“) denn als Erfahrung und Deutung: „Gott gibt sich“ – als ein „Ich bin für dich da“. Dass Gott sich in Jesus als Mensch und im Heiligen Geist als inspirierende, verbindende Kraft gezeigt hat, versteht er als Kern der christlichen Botschaft: Gott ist da, weil er sich schenkt.