Der Artikel beschäftigt sich mit der theologischen Frage, wie Jesus seinen eigenen Tod verstanden hat und welche Bedeutung dieser Tod für die Erlösung der Menschen besitzt. Ausgangspunkt ist das vierte Lied vom leidenden Gottesknecht in Jesaja 53. Dort wird von einem unschuldigen Menschen gesprochen, der leidet, misshandelt und schließlich getötet wird und dessen Leiden stellvertretend für andere geschieht. Dieses Leiden wird nicht als kultisches Opfer verstanden, sondern als Märtyrertod. Gott steht auf der Seite des Leidenden und nimmt sein Lebensopfer an.
Aus dieser Vorstellung entwickelte sich im Judentum besonders in Zeiten der Verfolgung eine Märtyrertheologie. Menschen, die aus Treue zu Gott ihr Leben verloren, verstanden ihr Leiden als stellvertretendes Eintreten für andere. Sie boten Gott ihr Leiden und ihren Tod an und hofften, dass dieses Sterben anderen zugutekommen könne. Dabei ging es nicht darum, dass Gott dieses Leiden verlangte oder dass es objektiv notwendig gewesen wäre. Beispiele für diese Spiritualität finden sich in den Makkabäerbüchern. Auch spätere Märtyrer verstanden ihren Tod in diesem Sinn.
In diesem geistigen Zusammenhang deutet der Autor auch Jesu Verständnis seines eigenen Todes. Jesus verstand sein Leben als Dienst an den Menschen und als Zeugnis für die Menschenfreundlichkeit Gottes. Seine Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes stieß jedoch auf Widerstand. Angesichts seines bevorstehenden Todes sah Jesus im Lied vom leidenden Gottesknecht ein Deutungsmuster für sein eigenes Schicksal. Er stellte auch seinen Tod in den Dienst seiner Sendung. Beim letzten Mahl mit seinen Jüngern brachte er dies symbolisch zum Ausdruck, indem er Brot und Wein als Zeichen seiner Hingabe deutete. Sein Tod wurde so zu einem Ausdruck seiner proexistenten Lebenshaltung, also seines Lebens für andere.
Jesus bot sein Leiden Gott stellvertretend für sein Volk an, in der Hoffnung, dass dieses Leiden zur Versöhnung beitragen könne. Diese Deutung widerspricht nach Laufen nicht der Botschaft Jesu von der bedingungslosen Liebe Gottes. Vielmehr versuchte Jesus angesichts der Ablehnung seiner Botschaft einen Weg zu finden, wie Gottes Liebe dennoch zu den Menschen gelangen kann. Seine Todesdeutung war jedoch kein ausgearbeitetes theologisches Konzept, sondern eine existenzielle und spontane Haltung der Solidarität mit den Menschen.
Die Auferstehung Jesu wird als Bestätigung dieser Haltung verstanden. Für die Jünger bedeutete die Erfahrung des Auferstandenen, dass Gott sich auf die Seite des gekreuzigten Jesus gestellt hat. Gott rehabilitierte Jesus und bestätigte seine Botschaft von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes.
Der Autor betont zudem die radikale Menschlichkeit Jesu. In der Menschwerdung verzichtete der Sohn Gottes auf die Ausübung seiner göttlichen Macht und lebte vollständig innerhalb der Grenzen menschlicher Existenz. Nur so kann sein Leben und sein Tod wirklich als menschliches Leben verstanden werden.
Nach dem Tod Jesu mussten die Jünger dessen Bedeutung neu deuten. Zunächst erschien der Tod Jesu als Katastrophe. Durch ihre Auferstehungserfahrungen gewannen sie jedoch die Überzeugung, dass Gott Jesus erhöht hat und dass sein Tod eine heilsgeschichtliche Bedeutung besitzt. Deshalb deuteten sie den Tod Jesu im Licht der heiligen Schriften Israels.
Im Neuen Testament entstanden verschiedene Deutungen des Todes Jesu. Eine wichtige Deutung ist die martyrologische Interpretation. Danach starb Jesus stellvertretend für andere. Diese Vorstellung knüpft an die Tradition des leidenden Gottesknechts und an die Märtyrerspiritualität an.
Daneben entwickelte sich eine kultische Deutung. Sie orientiert sich an den Opferpraktiken des jüdischen Tempels, etwa am Versöhnungstag oder am Paschalamm. In dieser Perspektive wird der Tod Jesu als endgültiges Opfer verstanden, das den Tempelkult überflüssig macht und eine endgültige Versöhnung zwischen Gott und Mensch ermöglicht.
Der Autor betont jedoch, dass diese Opferdeutungen nicht bedeuten, dass Gott durch Opfer besänftigt werden müsse. Nach biblischem Verständnis geht die Initiative zur Versöhnung immer von Gott aus. Gott bietet den Menschen aus freier Liebe Versöhnung an.
Gleichzeitig stellt der Autor die Frage, ob die Vorstellung eines notwendigen Sühneopfers heute noch überzeugend ist. Wenn der Tod Jesu notwendig gewesen wäre, müsste Gott dieses Opfer gewollt oder gebraucht haben. Ein solcher Gedanke widerspricht jedoch der Vorstellung von Gott als freiem und liebendem Gott. Gott braucht nichts und ist nicht auf menschliche Opfer angewiesen.
halb schlägt der Autor vor, den Tod Jesu nicht isoliert als Sühneopfer zu betrachten, sondern im Zusammenhang seines ganzen Lebens und Wirkens. Jesus verkündete Gott als einen Gott der freien und unbedingten Liebe. Sein Leben zielte darauf, die Menschen zum Vertrauen auf diese Liebe zu führen. Der Konflikt mit den religiösen Autoritäten entstand gerade aus dieser Botschaft.
Der Tod Jesu ist daher die Konsequenz seiner Treue zu dieser Sendung. Jesus starb als Märtyrer für seine Botschaft von der Liebe Gottes. Erlösung besteht nach dieser Sicht nicht in einer notwendigen Opferleistung, sondern in der Offenbarung der Liebe Gottes, die im Leben, Wirken, Sterben und in der Auferstehung Jesu sichtbar wird.
Das Heil besteht darin, dass Menschen erkennen, dass sie in der Liebe Gottes geborgen sind. Gottes Ja zum Menschen bleibt bestehen, auch wenn Menschen dieses Ja ablehnen. Die Erlösung besteht daher im Glauben an diese Liebe und in der Annahme des göttlichen Heilswillens.