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Jessica ScheiperMünchner Theologische Zeitschrift

Jessica Scheiper,

Münchner Theologische Zeitschrift

Der „Fall Crottogini“ oder: Priesterbild, Sexualität und Zensur

Veröffentlichung:1.5.2026

Im Rahmen einer Untersuchung zur Förderung von Priesterberufungen ermittelte der Schweizer Missionspater Jakob Crottogini SMB schon in den 1950er-Jahren sexuelle Schwierigkeiten bei Seminaristen. Die Nutzung der hilfreichen Erkenntnisse wurde allerdings verhindert.

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Im Rahmen einer Untersuchung zur Förderung von Priesterberufungen ermittelte der Schweizer Missionspater Jakob Crottogini SMB schon in den 1950er-Jahren sexuelle Schwierigkeiten bei Seminaristen. Die Nutzung der hilfreichen Erkenntnisse wurde allerdings verhindert. Aus Opportunitätsgründen verbot das Hl. Offizium die Veröffentlichung des Buchs „Werden und Krise des Priesterberufes“. Der signifikante Zensurfall ist zugleich ein Beleg dafür, dass und wie lange das Wissen um einen spezifischen Risikofaktor für sexuellen Missbrauch, nämlich die sexuelle Unreife von Priestern, im System bekannt war, aber unterdrückt wurde. Im Kontext von Missbrauch, Macht und Klerikalismus ist zunehmend auch die Priesterausbildung ins Blickfeld gerückt. Vermehrt legten in den letzten Jahren Studien einen kausalen Zusammenhang zwischen dem sexuellen Missbrauch durch Kleriker und deren psychosexueller Unreife nahe. Nicht zuletzt die im Herbst 2018 veröffentlichte MHGStudie hat u. a. jenen Kleriker-Typus ermittelt, der im Zölibat irrtümlich die Möglichkeit sieht, „sich mit der eigenen sexuellen Identitätsbildung nicht hinreichend auseinandersetzen zu müssen.“1 Als verschärfend gilt es zudem, wenn Priesterkandidaten in ihrer gesonderten Seminarausbildung ein der amtlichen Theologie und Rechtsstellung der Kleriker entsprechendes Standesbewusstsein vermittelt wird, in dem ein geistlich überhöhtes Überlegenheitsgefühl identitätsprägend wird. Vor diesem Hintergrund forderte unlängst beim vatikanischen „Kinderschutz-Gipfel“ im Februar 2019 etwa auch die nigerianische Ordensobere Veronica Openibo, die kirchlichen Ausbildungshäuser in Frage zu stellen.2 Kritik an der Priesterausbildung im Sinne der klassischen „Seminarerziehung“ ist keineswegs neu. So machte schon in den 1950er-Jahren der Schweizer Missionspater Jakob Crottogini SMB auf Probleme von Seminaristen u. a. in der Auseinandersetzung mit der 1 Projektbericht Forschungsprojekt „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“.

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