Der didaktische Artikel von Kathrin Gies untersucht die Funktionalität von Erzelternerzählungen für die Identitätsbildung im Religionsunterricht. Der Autor argumentiert, dass Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe sich in einem klassischen Alter der Identitätskonstruktion befinden und dabei erzählende Selbstrepräsentation nutzen, etwa auf sozialen Medien. Biblische Erzählungen wie die über Abraham und Sara dienen nicht primär als historische Berichte, sondern als 'metaphorische Möglichkeitsräume', die existenzbedeutsam für religiöse Identitätsbildung werden können. Die biblischen Figuren präsentieren sich als ambivalente Charaktere, die es Jugendlichen ermöglichen, ihre eigenen Widersprüchlichkeiten und Erfahrungen von Entfremdung zu spiegeln. Ein zentrales didaktisches Anliegen besteht darin, dass Schüler die narrative Struktur von Wirklichkeitsdeutung reflektieren und erkennen, dass auch biblische Erzählungen Wahrheit pragmatisch konstruieren, nicht faktisch abbilden. Auf kollektiver Ebene zeigt der Artikel, wie Erzähltraditionen von Völkern und Religionen identitätskonstitutiv wirken und dass Abraham und Sara exemplarisch für die Konstruktion von Volks- und Religionsidentitäten stehen. Der Artikel betont auch die politische Dimension von Erzählungen und deren Rezeptionsgeschichte, etwa beim Nahost-Konflikt. Abschließend fordert er ein kritisch-konstruktives Verhältnis zwischen lebensweltlichen und biblischen Erzählungen, das Schüler befähigt, ihre religiöse Identität bewusst zu konstruieren und gleichzeitig ihre Konstruktionsprozesse zu reflektieren.