Thomas Kothmann erörtert in seinem Artikel die Vermittlung alttestamentlicher und neutestamentlicher Berufungserzählungen im Grundschulunterricht. Er identifiziert zunächst eine grundlegende Herausforderung: Empirische Befunde zeigen, dass Kinder diese Erzählungen spontan nicht präsent haben und sie weitgehend ausblenden, da der Bruch mit Geborgenheit und Familie schwer nachvollziehbar ist. Der Autor warnt davor, diese fremden Geschichten durch unangemessene Banalisierungen (etwa die Umzugsthematik bei Abraham) zu verfälschen. Statt Anschluss bei den Schülern zu suchen, begründet Kothmann die unterrichtliche Behandlung primär mit dem immanenten Anspruch der Sache selbst. Trotzdem identifiziert er mehrere Anknüpfungspunkte: die präsente Erfahrung des Gerufen-Werdens, das ausgeprägte Gerechtigkeitsgefühl von Grundschülern (besonders bei Mose und den Propheten) sowie der Bezug zur eigenen Taufe bei Jüngerberufungen. Im Alten Testament analysiert der Autor die Gattung der Berufungserzählungen bei Abraham, Mose, Gideon, Samuel, Saul, Amos, Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Jona. Diese weisen formale Strukturelemente auf: biographische Einleitung, unmittelbare Beauftragung, Widerstand des Berufenen, Beistandszusage und beglaubigendes Zeichen. Die neutestamentlichen Jüngerberufungen folgen einem anderen Muster, indem Jesus unmittelbar zur Nachfolge auffordert. Zentral ist für Kothmann, dass diese Erzählungen Antworten auf elementare Fragen geben: Sie offenbaren Gott nicht als zeitloses Schicksal, sondern als geschichtlich handelnden, raum-zeit-gebundenen Gott, der sich zum Anwalt der Unterdrückten macht. Die von Gott Berufenen sind keine außergewöhnlichen Menschen, sondern normale Menschen mit Schwächen und Zweifeln, an denen Gott sein Vorhaben umsetzt.