Der Artikel untersucht das Gebet als zentrale Dimension des jüdischen Glaubens, das die theologische Beziehung zwischen Mensch und Gott konstituiert. Ausgehend von der These, dass der Mensch durch seine Fähigkeit, mit Gott in Kontakt zu treten, erst wahrhaft Mensch wird, werden die biblischen Grundlagen des jüdischen Gebets analysiert. Die hebräische Bibel kennt verschiedene Gebetsformen (Bitte, Lob, Preis, Dank, Protest, Bekenntnis) und zahlreiche Begriffe dafür, wobei 'tefillah' der gebräuchlichste ist. Räumlich ist das Gebet an biblische Orte wie den Jerusalemer Tempel und später die Synagoge gebunden, wird aber auch individuell überall praktiziert. Ein charakteristisches Merkmal des jüdischen Gebets ist das Wechselspiel zwischen privatem und gemeinschaftlichem Gebet, wobei die Gemeinschaft von mindestens zehn erwachsenen Männern (Minjan) eine hohe Bedeutung hat. Die Bibel erwähnt bereits verschiedene Gebetshaltungen (stehen, knien, Niederwerfung) und Gebetszeiten (Morgen-, Mittags-, Abendgebet). In der rabbinischen Tradition wurde das Gebet zur 'Gottesdienst des Herzens' entwickelt, mit festen Gebetszeiten (Schacharit, Mincha, Ma'ariv), liturgischen Büchern (Sidur) und rituellen Objekten wie Tefillin und Tallit. Besondere Bedeutung haben das Sch'ma Jisrael, das Achtzehn-Bitten-Gebet (Sch'mone Esre) und das Kaddisch. Die Segenssprüche (Berachot) durchziehen den Alltag und heiligen ihn durch die ständige Erinnerung an Gottes Gegenwart. Der Artikel verweist auf die philosophische und theologische Reflexion des Gebets seit dem Mittelalter als weiteres Merkmal der jüdischen Gebetspraxis. Religionsdidaktisch wird das Gebet als Schlüssel zum Verständnis des Judentums hervorgehoben.