Katharina von Bora (1499–1552) wird häufig als das 'protestantische Erzelternpaar' gemeinsam mit Martin Luther dargestellt, doch dies entspricht nicht der historischen Realität ihrer eigenständigen Persönlichkeit. Die 1523 aus dem Zisterzienserinnenkloster Nimbschen geflohene Nonne heiratete 1525 Martin Luther und verwandelte das ehemalige Augustinerkloster in Wittenberg in einen großen, komplexen Haushalt, den sie selbstständig verwaltete – einschließlich Gärten, Viehzucht, Brauerei und später eines Hospizes. Die verfügbaren Quellen sind äußerst begrenzt: nur acht erhaltene Briefe von Katharina stehen 500 Briefen Luthers an sie gegenüber. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Katharinas Bild immer wieder neu interpretiert und konstruiert, oft mehr entsprechend der zeitgenössischen Erwartungen als gemäß historischen Fakten. Während die Reformation sie als Symbol evangelischer Freiheit nutzte, wurde sie später zur Verkörperung der idealen Pfarrfrau instrumentalisiert. Für die religionspädagogische Arbeit bietet Katharina von Bora kein Vorbildmodell, sondern die Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler mit Fragen von Gewissensentscheidungen, Gelübdebruch und geschlechterspezifischen Rollenzuweisungen auseinanderzusetzen. Der Artikel verdeutlicht, wie historische Figuren durch nachträgliche Deutungen überlagert werden und wie wichtig es ist, zwischen Quellenlage und Interpretation kritisch zu unterscheiden.