Michael Domsgen untersucht das Zusammenspiel von Ehe und Familie aus einer evangelischen, empirisch orientierten Perspektive, die von der Lebenswirklichkeit der Menschen ausgeht statt normativer Vorgaben. Der Artikel betont zunächst die methodische Problematik, bei Beschreibungen von Entwicklungstendenzen wertende Aspekte von beschreibenden zu trennen und macht deutlich, dass die Wahl des historischen Leitbildes – etwa das idealisierte 'Golden Age of Marriage' der 1950er-60er Jahre – entscheidend für die Bewertung gegenwärtiger Tendenzen ist. Die Geschichte von Ehe und Familie ist unlösbar mit den jeweils vorherrschenden Produktionsweisen verbunden und wird dadurch kontextuell bestimmt. In den 1950er-60er Jahren stellte die lebenslange, monogame Ehe mit Familiengründung ein internalisiertes Leitbild dar, das die übergroße Mehrheit der Bevölkerung realisierte. Gegenwärtig zeigen sich gravierende Verschiebungen: Die Scheidungsrate ist auf etwa ein Drittel gestiegen, die Heiratsneigung sinkt kontinuierlich – besonders bei jüngeren Generationen – und das Motiv für Eheschließung verlagert sich zunehmend auf die 'kinderorientierte Eheschließung'. Parallel dazu steigt die Nichtehelichenquote deutlich an, besonders in den neuen Bundesländern (61% im Jahr 2010), was zeigt, dass Familiengründung zunehmend außerhalb der Institution Ehe stattfindet. Der Artikel betont jedoch, dass diese Entwicklungen nicht als pauschale Ablehnung der Ehe zu interpretieren sind, sondern als eine Pluralisierung von Lebensformen, die in ihrer historischen Vielfalt längerfristig betrachtet weniger radikal ausfällt. Für die Religionspädagogik liegt der Fokus auf der Wahrnehmung dieser Wandlungstendenzen und ihrer Bedeutung für die religiöse Entwicklung von Menschen.