Der Artikel von Wilhelm Schwendemann untersucht das Konzept der Erinnerungsorte (Lieux de mémoire) im Anschluss an Pierre Nora und erörtert deren Bedeutung für historisches Lernen und Erinnerungskultur. Erinnerungsorte werden definiert als langlebige Kristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität, die sich als metaphorische und symbolische Bedeutungsträger – nicht nur als physische Orte – verstehen lassen. Der Artikel analysiert Gedenkstätten wie Auschwitz als Erinnerungs- und Lernorte und diskutiert die pädagogischen Herausforderungen der Gedenkstättenpädagogik, insbesondere im Kontext der zeitlichen Distanz zu historischen Verbrechen und des Endes der Zeitzeugenschaft. Ein zentrales Problem ist die professionelle Steuerung von Gedenken und die damit verbundene Machtfrage: Wer definiert die Inszenierung und Narration dieser Orte? Der Artikel betont, dass Erinnerungslernen die grundsätzlichen Konflikte zwischen der Praxis begangener Verbrechen und der Praxis des Gedenkens bewusst machen muss. Darüber hinaus erweitert Schwendemann das Konzept auf christliche Erinnerungsorte, insbesondere die Bibel und ihre Übersetzungen im Rahmen der Reformation. Bibelübersetzung wird als Befähigungsstrategie verstanden, die individuelle Religiosität und christliche Erzählgemeinschaften ermöglicht. Luthers hermeneutisches Prinzip der christologisch-soteriologischen Textauslegung wird als Grundlage für ein Verständnis der Heiligen Schrift als Glaubensanrede erörtert, wobei Bibellektüre primär als hörender Akt des Glaubens konzipiert wird.