Der Artikel behandelt Ethnografie als heterogenes Forschungsfeld mit unterschiedlichen methodologischen Positionen und disziplinären Ausprägungen wie soziolinguistische, lebensweltliche, institutionelle und ethnologische Ethnografie. Allen gemeinsam ist eine naturalistische und entdeckende Haltung, die davon ausgeht, dass innovative Erkenntnisse über Kultur und Sozialität nur vor Ort gewonnen werden können. Historisch lässt sich die Ethnografie auf drei Wurzeln zurückführen: die kulturwissenschaftliche Tradition der Völkerkunde und Ethnologie, die im späten 19. Jahrhundert Feldforschung bei fremden Kulturen etablierte, die sozialwissenschaftliche Stadtsoziologie des frühen 20. Jahrhunderts, die städtische Alltagskulturen erforschte, und die Alltagssoziologie, die das Vertraute als fremdartig betrachtet. Bronisław Malinowski trug maßgeblich zur Methodisierung der Ethnografie bei, indem er Feldanwesenheit, Perspektivwechsel und verstehende Ansätze als Grundprinzipien etablierte. Religion und spirituelle Praktiken waren in allen Traditionslinien von Anfang an zentrale Forschungsgegenstände, besonders Rituale als Ort der Identitätskonstituierung. Die sozialwissenschaftliche Ethnografie erweiterte den Fokus auf Kulturen der eigenen Gesellschaft, insbesondere auf städtische Pluralität und religiöse Praktiken im Kontext von Migration und Säkularisierung. Die Alltagssoziologie schließlich betrachtet das Vertraute methodisch als fremd und untersucht die Vollzugslogik sozialer Ordnungen in alltäglichsten Verrichtungen. Der Artikel macht deutlich, dass Ethnografie als Feldforschung bis heute ein zentrales wissenschaftliches Medium der Gesellschaftsbeobachtung darstellt.