Der Artikel von Olaf Kühl-Freudenstein analysiert die evangelischen Kirchen während der Weimarer Republik (1919-1933) als Epochenwende in der deutschen Kirchengeschichte. Nach vierhundert Jahren enge Verbindung mit der Monarchie wurde diese Symbiose 1918 abrupt beendet, was die Kirchenleitungen zunächst nicht auf den neuen demokratischen Staat vorbereitet fand. Der Autor nutzt Detlev Peukerts historische Dreiteilung der Weimarer Republik und wendet diese auf die protestantische Kirchengeschichte an. In der Anfangsphase (1918-1923) der sogenannten Weichenstellen zeigten sich die evangelischen Kirchen gegenüber der neuen Ordnung skeptisch und ablehnend, obwohl die SPD bei Verhandlungen über das Staat-Kirche-Verhältnis kompromissbereit war und den Kirchen vorteilhafte Regelungen in der Weimarer Verfassung sicherte. Dies spiegelt sich in der kritischen Rede des preußischen Oberkirchenrats-Präsidenten Reinhard Möller beim ersten evangelischen Kirchentag 1919 wider, der nostalgisch die Monarchie verherrlichte statt eine versöhnliche Hand zur SPD auszustrecken. Theologisch wurde die Krisenzeit durch Karl Barths radikale Krisentheologie geprägt, die ein vollständiges Versagen der bisherigen protestantischen Theologie konstatierten. In der Phase der trügerischen Stabilisierung ab Mitte der 1920er Jahre vollzog sich ein wichtiger Perspektivwechsel: Otto Dibelius deutete die Novemberrevolution 1918 als befreiendes Gewitter, das die Kirche endlich unabhängig gemacht habe. Dies markierte den Beginn einer Phase, in der die Kirchenleitungen kooperative Loyalität zur Weimarer Republik anstrebten, wie die Vaterländische Kundgebung des Königsberger Kirchentages 1927 zeigte. Der Artikel verknüpft diese historische Analyse mit gegenwärtigen Fragen nach der Rolle von Kirchen bei der Stabilisierung der Demokratie und deutet Parallelen zwischen der Epochenwende der 1920er Jahre und heutigen Umbrüchen hin.