Der Artikel von Joachim Wiemeyer bietet eine umfassende Analyse des Gesellschaftsbegriffs, der etymologisch auf das althochdeutsche Wort 'sal' zurückgeht und heute das Zusammenleben größerer Menschengruppen bezeichnet. Gesellschaften werden durch Interaktionen und Kommunikation zwischen ihren Mitgliedern konstituiert, die durch gemeinsame Sprache, Religion, Kultur, Rechtsnormen und wirtschaftlichen Austausch geprägt sind. Der Artikel zeigt, dass ein und dieselbe Gesellschaft je nach Analysegegenstand unterschiedlich bezeichnet werden kann (religiös, multikulturell, patriarchalisch, modern etc.). In der Tradition von Ferdinand Tönnies wird die klassische Unterscheidung zwischen Gemeinschaft (persönliche, überschaubare Gruppen) und Gesellschaft (anonyme, zweckrationale Verbindungen) erörtert. Das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft wird in zwei Traditionen dargestellt: der absolutistischen (Staat hat Vorrang) und der angelsächsischen (Gesellschaft hat Vorrang und gründet den Staat). Die Gesellschaftsvertragstheorie wird als bedeutender philosophischer Ansatz zur Staatsbegründung vorgestellt, mit empirischen, fiktiven und impliziten Konsensformen. John Rawls hat diesen Denkansatz im 20. Jahrhundert erneuert. In der Gegenwart wird der Zivilgesellschaft große Bedeutung für eine stabile Demokratie beigemessen, da sie als Ort von Wertetradierung, Innovation und Kontrolle des politischen Systems fungiert. Der Artikel deutet an, dass umfassende Gesellschaftstheorien wie der Marxismus normativ geprägt sind und gesellschaftliche Prozesse ideologisch deuten.