Reinhold Mokrosch entwickelt in seinem Beitrag ein differenziertes Verständnis des Gewissens als ein transmoralisches und moralisches Zentrum menschlichen Sollens und Entscheidens. Das Gewissen wird als zweischichtig konzeptualisiert: eine vorbewusste, archetypische Ebene mit allgemeinen Forderungen (Gutes tun, Böses meiden, Leben schützen) und eine bewusste, empirische Ebene der konkreten Urteils- und Handlungsfähigkeit. Die religiöse Deutung unterscheidet das transmoralische Gewissen als Beziehung zu Gott von dem moralischen Gewissen als Beziehung zur Alltagswelt. Entsprechend dieser Struktur hat Gewissensbildung zwei Doppelaufgaben: erstens die Vermittlung zwischen archetypischen Sollens-Forderungen und ethischer Urteilsfähigkeit, zweitens die Sensibilisierung für die Unterscheidung zwischen transmoralischen und moralischen Gewissensregungen. Der Artikel erörtert acht zentrale Kernfragen der Gewissensforschung: die Frage nach genetischer Anlage versus kultureller Genese, die Fehlbarkeit versus Autorität von Gewissensurteilen, die Polarität von Innen- und Außenlenkung, die Charakterisierung des Gewissens als Instanz, Bewusstsein oder Geschehen, sowie das Verhältnis zwischen Individual- und Kollektivgewissen. Für jede dieser Forschungsfragen werden Konsequenzen für die praktische Gewissensbildung aufgezeigt, wobei Mokrosch deutlich macht, dass unterschiedliche theoretische Verständigungen des Gewissens zu unterschiedlichen pädagogischen Ansätzen führen müssen.