Der Artikel analysiert die Entstehung und Entwicklung des Hermeneutischen Religionsunterrichts als Ausdruck eines veränderten Verhältnisses zwischen evangelischer Theologie und Pädagogik nach 1954. Das Comenius-Institut wurde als Evangelische Arbeitsstätte für Erziehungswissenschaft gegründet, um die Eigenständigkeit pädagogischen Denkens zu wahren. Das kirchliche Schulwort von 1958 etablierte das Prinzip der Freiheit und verbot weltanschauliche Bevormundung, wobei die Kirche ihre Rolle neu definierte. Liselotte Corbach entwickelte das Konzept des "Dolmetschens" zwischen biblischen Texten und Schülern, unterstützt durch Bilddidaktik, und forderte eine kindgerechte Auslegung, die existentiell relevant wird. Hans Stock verband den Verkündigungsbegriff mit dem Auslegungsbegriff und betonte, dass Schüler im Religionsunterricht als Subjekte im Blick sein müssen. Corbachs themenorientierte Weiterentwicklung reagierte auf die Aufbruchsbewegungen von 1968, indem aktuelle Themen mit biblischen Inhalten verbunden wurden. Der hermeneutische Religionsunterricht versteht sich als gewissenhafte Auslegung biblischer Texte, die einen existentiellen Bezug für Schüler ermöglicht, ohne kirchliche Propaganda zu betreiben. Die katholische Religionspädagogik rezipierte später ebenfalls hermeneutische Grundkonzepte.