Rita Voltmers Artikel zum Thema Hexenverfolgungen analysiert die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher Forschung und populärer Geschichtsdeutung. Während Fachwissenschaftler die Hexenverfolgungen als komplexe historische Phänomene in ihrem gesellschaftlichen Kontext untersuchen, werden sie in der Populärkultur durch vereinfachte Verschwörungsszenarien dargestellt, die insbesondere der Kirche und Inquisition zentrale Schuld zuweisen. Voltmer kritisiert scharf die romantisierten Darstellungen von Hexen als unterdrückte Heilerinnen oder Vertreterinnen eines paganen Kultes und weist nach, dass diese Bilder auf 19. Jahrhundert-Erfindungen und Geschlechterstereotypen beruhen. Sie dekonstruiert auch die These der halluzinogenen Hexensalben und den Mythos sexuell frustrierter Frauen als falsch und wissenschaftlich nicht haltbar. Die theologischen Ursprünge des Hexenglaubens reichen ins Mittelalter zurück; um 1400 synthetisierten Theologen und Juristen verschiedene Vorwürfe zur neuen Figur der Hexenketzersekte, die als organisierte Verschwörung gegen die Schöpfung Gottes verstanden wurde. Nach der Reformation entwickelten auch protestantische Konfessionen eigene Hexerei-Imaginationen, forderten aber ebenfalls die Todesstrafe. Die Hexerjagden begannen nach 1430 vor allem um Genf und dem Bodensee und erlebten ihren Höhepunkt zwischen 1580 und 1650 im deutschsprachigen Raum, während Osteuropa später betroffen war. Voltmer betont die Notwendigkeit einer differenzierten, quellengestützten Geschichtsschreibung und kritisiert die anhaltende Dominanz von Vereinfachungen über komplexen Deutungsmodellen, auch bei neueren Rehabilitationsinitiativen.