Der Artikel beschreibt die historische und theologische Beziehung zwischen Christentum und Islam im Blick auf die Person Jesu. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass der Dialog zwischen Christen und Muslimen bereits mit der Entstehung des Islams begann. Schon zur Zeit der Verkündigung des Korans begegneten sich Christen und Muslime und standen zunächst gemeinsam für den Glauben an den einen Gott gegenüber dem verbreiteten Paganismus. Ein Beispiel dafür ist die Flucht früher Muslime nach Abessinien, wo ein christlicher König ihnen Schutz gewährte, nachdem sie ihm Koranverse über Maria und Jesus vorgetragen hatten. Diese Episode zeigt, dass es zu Beginn des Kontakts auch Erfahrungen von Solidarität zwischen beiden Religionen gab.
Der Beitrag untersucht anschließend die unterschiedlichen Vorstellungen von der Einheit Gottes. Im Christentum gehört die Trinität zum Zentrum des Glaubens. Gott wird als Vater, Sohn und Heiliger Geist verstanden. Diese Vorstellung entwickelte sich jedoch erst im Laufe der kirchlichen Dogmengeschichte und wurde insbesondere auf den Konzilien von Nizäa und Konstantinopel formuliert. Die Trinität soll dabei nicht drei Götter beschreiben, sondern die Erfahrung ausdrücken, dass Gott in sich Beziehung und Liebe ist. Für viele muslimische Hörer sind diese theologischen Begriffe jedoch schwer nachvollziehbar, weil sie mit der islamischen Vorstellung von der absoluten Einheit Gottes nicht übereinstimmen.
Die muslimische Kritik richtet sich vor allem gegen den Eindruck, Christen glaubten an drei Götter. Der Koran warnt davor, Gott als den dritten von dreien zu bezeichnen. Nach einigen modernen theologischen Interpretationen kritisiert der Koran damit nicht unbedingt die offizielle kirchliche Trinitätslehre, sondern tritheistische Fehlinterpretationen, die in bestimmten historischen christlichen Gruppen verbreitet waren. In einigen Koranstellen scheint die kritisierte Vorstellung sogar eine Art familiäre Dreiergruppe aus Gott, Maria und Jesus zu sein. Historisch lässt sich dies mit bestimmten Formen orientalischer Volksfrömmigkeit erklären, in denen Maria sehr stark verehrt wurde.
Der Artikel zeigt außerdem, dass die islamische Kritik besonders den christlichen Gedanken der Gottessohnschaft Jesu und der Inkarnation betrifft. Für die islamische Theologie ist Gott absolut und unteilbar. Er kann weder gezeugt haben noch selbst gezeugt worden sein. Deshalb lehnt der Islam die Vorstellung ab, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist. Diese Ablehnung hängt mit dem islamischen Verständnis des Absoluten zusammen. Gott darf nicht mit der Schöpfung verglichen werden und darf keine Bestandteile oder Teilungen besitzen. Um dennoch Gottes Nähe zur Welt zu erklären, entwickelte die islamische Theologie eine Lehre von den göttlichen Attributen.
Zum Abschluss betont der Artikel, dass der Islam dennoch eine eigene Christologie besitzt. Muslime glauben an Jesus als Propheten, als Wort Gottes und als durch den Heiligen Geist gestützten Gesandten. Sie glauben an seine jungfräuliche Geburt und an seine Wunder. Jesus nimmt im Islam eine besondere Stellung unter den Propheten ein und wird hoch verehrt. Der entscheidende Unterschied zum christlichen Glauben besteht jedoch darin, dass Muslime nicht glauben, dass Jesus selbst Gott ist. Damit zeigt der Artikel sowohl die gemeinsamen Grundlagen als auch die bleibenden theologischen Differenzen zwischen Christentum und Islam.