Das Individuum wird in modernen Rechtsstaaten durch Grundrechte wie Menschenwürde, Meinungsfreiheit und Privatsphäre geschützt und erhält seine Würde durch Vernunft- und Sprachfähigkeit. Individualisierung bezeichnet die Freisetzung des Menschen aus traditionalen Bindungen und die Vermehrung von Wahlmöglichkeiten in Beruf, Wohnort und Partnerschaft. Diese erweiterte Freiheit führt jedoch zu erhöhter Verantwortung und Fehlerrisiko, da Misserfolge weniger als Schicksal denn als eigene Fehler wahrgenommen werden. Die moderne Religiosität zeigt sich weniger durch Wechsel zu alternativen Religionen als vielmehr durch Distanzierung von kirchlichen Lehren und Praxen sowie durch selektive Teilidentifikation innerhalb bestehender Religionen. Theologisch betrachtet ist Religion nicht Opfer der Individualisierung, sondern ein wichtiger Grund ihrer Entstehung: Während antike Philosophie das Individuelle für unaussagbar hielt und den Menschen in kosmische Ordnungen einband, führte Augustinus mit dem Gedanken der Erbsünde eine negative Individualität ein. Augustinus' Konzept der Selbstbezüglichkeit (superbia) als Keimzelle aller Sünden machte das Individuum selbst zum theologischen Problem und eröffnete damit eine neue Sicht auf persönliche Verantwortung und innere Reflexion.