Das Lexikon-Lemma 'Karikatur' von Hans Jürgen Luibl bietet eine umfassende interdisziplinäre Analyse eines künstlerischen und gesellschaftskritischen Phänomens. Der Begriff leitet sich vom italienischen 'caricare' (übertreiben) ab und bezeichnet die bewusste Überzeichnung von Personen oder Situationen, deren Wesen durch die Spannung zwischen Wirklichkeit und Darstellung sichtbar wird. Karikatur ist verwandt mit Satire und Witz und wird oft als Bildsatire bezeichnet. Kunstgeschichtlich lässt sich die Karikatur auf das 16. Jahrhundert in Bologna zurückführen, wo Annibale Carracci sie als Gegenentwurf zu zeitgenössischen Schönheitsidealen entwickelte. Im Verlauf der Kunstgeschichte wurde die Karikatur zur Ästhetik des Hässlichen, zur Erfassung verborgener Wahrheiten und schließlich zur Kunstform der Massenkultur. Gesellschaftlich entfaltete die Karikatur ihre Kraft besonders in der Aufklärung als Mittel der Gesellschaftskritik und Machtentlarvung. Sie erscheint in Zeitungen und Satirezeitschriften und genießt damit den Schutz der Pressefreiheit, was sie als demokratische Kunstform auszeichnet. Allerdings warnt der Artikel vor einer unkritischen Verklärung dieses demokratischen Potentials, da Karikaturen durch ihre bildliche Kraft auch zur Stereotypisierung, Propaganda und Verfestigung gefährlicher Illusionen missbraucht werden können. Das Phänomen zeigt sich besonders problematisch bei antisemitischen Karikaturen, deren Motive sich über Grenzen hinweg in verschiedene Propagandakontexte transferiert haben.