Christian Grethlein analysiert den evangelischen Kindergottesdienst als wichtigen Aspekt der christlichen Sozialisation von Kindern, dem jedoch in Wissenschaft und Kirche lange Zeit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Diese Vernachlässigung spiegelt die gesellschaftliche Segregation von Kindern wider. Der Artikel verfolgt die historische Entwicklung vom 19. Jahrhundert, als englische Charity Schools entstanden, über die amerikanische Sunday School bis zur Etablierung des deutschsprachigen Kindergottesdienstes. In der Weimarer Republik erreichte die Kindergottesdienstbewegung ihren Höhepunkt mit etwa 1,2 Millionen Kindern wöchentlich. Nach dem Bruch durch die NS-Zeit kam es ab den 1960er Jahren zu einer grundlegenden Neuorientierung, die elementarpädagogische und sozialpädagogische Perspektiven aufnahm. Dies führte zur Pluralisierung der Kindergottesdienste: Sie lockerten sich zeitlich vom klassischen Sonntagmorgen, integrierten kreative und thematische Ansätze und öffneten sich zu Gottesdiensten mit Kindern statt nur für Kinder. Gegenwärtig zeigen sich neue Tendenzen wie Krabbelgottesdienste, veränderte Altersgruppen und Kooperationen mit Kindertageseinrichtungen. Das theologische Problem der Exklusion von Kindern aus dem regulären Gemeindegottesdienst wird thematisiert, ebenso wie die praktische Frage der Zulassung zum Mahl. Der Artikel unterstreicht, dass Kindergottesdienste heute wichtige Orte sind, an denen Kinder in einer unsicheren Zeit verlässliche Gemeinschaftserfahrungen und Gewissheitserfahrungen machen können.