Der Artikel untersucht die Auswirkungen digitaler Bildungsformate auf interreligiöses Lernen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass interreligiöses Lernen wesentlich auf Begegnung und Dialog angewiesen ist. Diese Formen des Lernens wurden während der Phase digitaler Lehre und des Homeschoolings stark eingeschränkt. Digitale Bildung kann zwar Wissen vermitteln, sie kann jedoch persönliche Begegnung und kommunikative Lernprozesse nur begrenzt ersetzen.
Anhand von Beobachtungen aus dem digitalen Sommersemester 2020 an Universitäten wird gezeigt, dass digitale Lehrformate häufig aus einer Kombination von aufgezeichneten Vorlesungen, Videokonferenzen, Foren und Aufgaben bestanden. Dennoch beteiligten sich viele Studierende kaum aktiv an digitalen Diskussionen. Gründe dafür waren Unsicherheit gegenüber der anonymen Gruppe, bereits gestellte Fragen oder eine eher beobachtende Rolle im digitalen Raum. Viele Studierende stellten fest, dass sie weniger Möglichkeiten hatten, wissenschaftliches Sprechen, Präsentieren und Diskutieren zu üben. Stattdessen kompensierten sie dies durch verstärkte Lektüre wissenschaftlicher Texte, fühlten sich jedoch teilweise unsicher im Umgang mit wissenschaftlichen Quellen.
Auch im schulischen Bereich führte Homeschooling zu Veränderungen der Rollen. Eltern mussten stärker Aufgaben der Lernbegleitung übernehmen. Studien zeigen, dass dies häufig zu Belastungen innerhalb der Familie führte. Viele Eltern berichteten von Schwierigkeiten, ihre Kinder zu einem geregelten Lernrhythmus zu motivieren. Besonders stark betroffen waren Familien mit geringeren Bildungsressourcen. Zudem übernahmen überwiegend Mütter die Verantwortung für das Homeschooling. Gleichzeitig kritisierten Eltern teilweise mangelnde Kommunikation und fehlende klare Strukturen seitens der Schulen.
Für Lehrkräfte führte digitale Bildung ebenfalls zu einer Rollenverschiebung. Während sie im Präsenzunterricht oft auch soziale Bezugspersonen sind, treten sie im digitalen Lernen stärker als Vermittler von Inhalten auf. Dadurch rückt die Rolle des Präsentierenden von Wissen stärker in den Vordergrund. Gleichzeitig stehen Lehrkräfte in Konkurrenz zu professionellen digitalen Bildungsangeboten im Internet, etwa zu populären Erklärvideos auf Plattformen wie Youtube.
Gerade in geisteswissenschaftlichen Fächern entsteht dadurch ein Problem. Erklärvideos vermitteln häufig den Eindruck, Wissen liege bereits fertig vor und müsse nur noch erklärt werden. Dabei geraten wichtige wissenschaftliche Kompetenzen wie Quellenkritik, Interpretation und argumentativer Austausch in den Hintergrund. Diese Kompetenzen sind jedoch entscheidend für kritisches Denken und wissenschaftliche Kommunikation.
Digitale Bildungsangebote fördern zudem häufig eine Rezeptionshaltung. Lernende werden eher zu Konsumenten von Bildungsinhalten als zu aktiven Teilnehmern eines kritischen Diskurses. Entscheidungen darüber, welche Inhalte als wahr gelten, werden oft stark von der wahrgenommenen Authentizität der präsentierenden Person beeinflusst. Dadurch entstehen Strukturen, die an Echokammern sozialer Medien erinnern, in denen unterschiedliche Positionen weniger intensiv diskutiert werden.
Für interreligiöses Lernen stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Interreligiöse Bildung lebt davon, dass Menschen mit unterschiedlichen religiösen Hintergründen einander begegnen, ihre Perspektiven austauschen und lernen, mit komplexen religiösen Fragen umzugehen. Dabei spielen Empathie, Perspektivübernahme und respektvolle Kommunikation eine zentrale Rolle. Diese Kompetenzen lassen sich im digitalen Raum bisher nur begrenzt entwickeln.
Der Artikel kommt daher zu dem Ergebnis, dass digitale Bildungsformate zwar wichtige Möglichkeiten für Wissensvermittlung bieten, aber für interreligiöse Lernprozesse nicht ausreichen. Begegnung, persönlicher Austausch und gemeinsamer Diskurs bleiben unverzichtbare Elemente religiöser Bildung. Gleichzeitig besteht die Aufgabe, neue digitale Formate zu entwickeln, die auch dialogische und kommunikative Lernprozesse stärker ermöglichen.