Der Artikel dokumentiert die Renaissance des Lebenskunst-Begriffs seit Ende der 1990er Jahre in Philosophie und populärer Beratungsliteratur und begründet dies mit Phänomenen der Spätmoderne wie Pluralisierung, Individualisierung und beschleunigte Zeitwahrnehmung. Historisch wird nachvollzogen, wie bereits die Sieben Weisen Griechenlands und biblische Weisheitsschriften Formen von Lebenswissen überlieferten, bevor Pythagoras und die Sophistik erste philosophische Konzepte entwickelten. Sokrates wird als Leitfigur des antiken Lebenskunstdenkens identifiziert, dessen Schüler unterschiedliche Schulen gründeten (Hedoniker, Kyniker), die sich alle dem Prinzip der Eudaimonie verpflichtet sahen. Epikur und die Stoiker prägten weitere bedeutende Varianten dieser Philosophie, deren Gedankengut teilweise in die christliche Tradition aufgenommen wurde. Während das Christentum die Lebenskunst in den Hintergrund drängte, revitalisierten Humanisten wie Montaigne ab dem 14. Jahrhundert dieses Erbe, wobei Kant einen Bruch darstellte, indem er Glückseligkeit aus der akademischen Philosophie verbannte. Am Ende des 20. Jahrhunderts erfolgte eine Wiederentdeckung durch Philosophen wie Wilhelm Schmid, die sich an Foucault anschlossen und Lebenskunst als ethische Frage der Lebensgestaltung und -gelingen reformulierten. Parallel entwickelte sich eine ästhetische Lesart, die Lebenskunst mit kultureller Bildung verbindet. Der Artikel skizziert auch Anknüpfungspunkte zur Religionspädagogik und Theologie, wo Lebenskunst als übergreifender Begriff für Seelsorge, Bildung und Spiritualität fungiert.