Der vorliegende Artikel untersucht Martin Luther als prägende Gestalt der Religionspädagogik und Bildungsgeschichte. Luther verbindet sich mit einer Traditionslinie christlichen Lehrens und Lernens, die bis zu Jesus und der Hebräischen Bibel zurückreicht, wird aber zur zentralen Referenz für evangelische Bildungsverantwortung. Die reformatorischen Einsichten – sola fide, sola gratia, sola scriptura, solus Christus – führen zur Forderung nach gebildetem Glauben und machen Unterricht und Erziehung zu zentralen Anliegen. Luther setzt sich kritisch mit dem mittelalterlichen Schulwesen auseinander, das ein Privileg der Geistlichen und des Adels war, und fordert stattdessen Schulbildung für alle Bürger. Er identifiziert Familie und Schule als zentrale Lernorte und erneuert die Inhalte religiöser Erziehung grundlegend. Luthers Theologie ist nicht systematisch entworfen, sondern in hunderten Schriften verschiedener Gattung entfaltet und wird als sapientia experimentalis verstanden – Theologie entsteht aus Erfahrung, Gebet, Meditation und Anfechtung. Die Bildungsbiografie Luthers zeigt eine außergewöhnliche Schulausbildung und akademische Karriere, die seinen späteren pädagogischen Entwürfen zugrunde liegt. Seine Bedeutung liegt darin, dass er Unterricht und Erziehung zu einem der kulturgeschichtlich wichtigsten Felder der konfessionellen Konkurrenz in der Frühen Neuzeit machte und damit langfristig die evangelische Bildungsverantwortung prägte.