Der Artikel untersucht das Gebot der Nächstenliebe als Lerngegenstand der Religionspädagogik und dessen Rezeption durch Schülerinnen und Schüler verschiedener Altersstufen. Empirische Befunde zeigen, dass Jugendliche das Gebot häufig als realitätsfern und weltfremd bewerten, insbesondere weil es als idealisierte Moralpredigt ohne befreiende Dimension wahrgenommen wird. Die entwicklungspsychologische Analyse nach Selman verdeutlicht, dass die Fähigkeit zur Perspektivübernahme, die für Nächstenliebe erforderlich ist, erst allmählich im Grundschulalter und vollständig im Jugendalter entwickelt wird. Nach Kohlbergs Theorie des moralischen Urteils kann das Gebot auf verschiedenen Stufen unterschiedlich rezipiert werden, von der Vermeidung von Strafe bis zur selbstakzeptierten moralischen Prinzipialität. Theologisch werden zwei Hauptübersetzungsvarianten von Lev 19,18 analysiert: eine, die sowohl Selbst- als auch Nächstenliebe als Gebote versteht, und eine, die Selbstliebe als anthropologische Konstante voraussetzt. Eine dritte Interpretation betont die sozialanthropologische Dimension der Gleichheit aller Menschen in ihren grundlegenden Bedürfnissen. Der Artikel ordnet das Nächstenliebegebot in den theologischen Kontext des alttestamentlichen Gottesbildes ein, wonach JHWH als Befreier versklavter Fremder auch die Fremdenliebe gebietet. Die praktische Vermittlung des Gebots erfordert eine Balance zwischen moralischer Erziehung und ethischer Bildung, die Realitätsbezüge schafft und die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen der Lernenden berücksichtigt.