Der Artikel analysiert den Pietismus als strukturgeschichtliche und problemgeschichtliche Bewegung, die sich durch die Betonung individueller religiöser Subjektivität und persönlicher Glaubenserfahrung gegen die altprotestantische Orthodoxie wandte. Das zentrale Konzept der Pietisten ist die "Erbauung" als individuelle Glaubensentwicklung und Kommunikationsgeschehen in verschiedenen Modi wie Predigt, Seelsorge und Bibelauslegung. Die Bewegung verband wissenschaftliche Theologie mit persönlicher Glaubenserfahrung und zielte auf Glaubensgewissheit durch Bekehrung und stetige Heiligung ab. Der Artikel dokumentiert die Nachwirkungen des Pietismus in der Pfingstbewegung (seit 1901), der charismatischen Bewegung und dem globalen Evangelikalismus, insbesondere durch deren Betonung der unmittelbaren Heiliggeist-Erfahrung. Besondere Aufmerksamkeit wird auf die "Health and Wealth Christianities" in Nord- und Südamerika sowie Afrika gerichtet, die pietistische Askese mit materiellem Erfolg verbinden. Die Institutionalisierung des Evangelikalismus wird durch Organisationen wie die Evangelische Allianz (1846) und den Weltbund der Evangelikalen (1951) dokumentiert. Für die Religionspädagogik sind pietistische Bekehrungserlebnisse, religiöse Autobiografien und die "Seelenerforschung" bedeutsame Lernfelder. Der Pietismus beeinflusste maßgeblich Kirchenlieder und Gesangbücher sowie die deutschsprachige Literatur der Frühromantik. Die diakonische Dimension des Pietismus prägt bis heute das Selbstverständnis evangelischen Christseins und kirchlicher Hilfearbeit.