Der Artikel analysiert die Soziale Frage als Schlüsselproblem des 19. Jahrhunderts, das sich aus der Industrialisierung Europas und besonders Deutschlands ergab. Die Soziale Frage war weniger eine analytische Kategorie als vielmehr ein normativer Begriff, der die Suche nach gerechten Beziehungen zwischen Bevölkerungsgruppen angesichts wirtschaftlicher Umbrüche beschrieb. Der Autor zeigt, dass viele heute selbstverständliche Institutionen wie Sozialversicherungen, Gewerkschaften und sozialdemokratische Parteien ihre Ursprünge in der Auseinandersetzung mit dieser Frage haben. Ebenso entstanden kirchliche und diakonische Einrichtungen wie Krankenhäuser, Altenheime und Caritas direkt aus der christlichen Antwort auf soziale Missstände. Die Industrielle Revolution war gekennzeichnet durch den Übergang von einer agrarischen zu einer modernen Industriegesellschaft, angetrieben durch Eisenbahnbau, Schwerindustrie und Kohlebergbau. Diese wirtschaftliche Transformation führte zu grundlegenden Veränderungen in Bevölkerungsstruktur, Arbeitsbeziehungen und sozialen Lebensumständen. Der Religionsunterricht hat die spezifische Aufgabe, die religiöse und ethische Dimension dieser Entwicklungen hervorzuheben und zu zeigen, wie christliche Akteure aus ihrer Glaubensmotivation heraus soziales Engagement entfalteten. Dabei sollen historische Vorbilder und christliche Grundprinzipien wie Nächstenliebe zur Förderung ethischer Handlungskompetenz genutzt werden. Der Artikel betont, dass die unterrichtliche Behandlung nicht primär historisches Interesse verfolgen sollte, sondern der Persönlichkeitsentwicklung und dem religiösen Orientierungswissen dienen muss.