Der Artikel beginnt mit einer Alltagserfahrung des Autors in der Großstadt. Er hört häufig Martinshörner und stellt fest, dass sich kirchliche und nicht kirchliche Hilfsorganisationen im Einsatz äußerlich kaum unterscheiden. Fahrzeuge, Qualifikation, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sind ähnlich. Daraus ergibt sich für ihn die Frage, ob es überhaupt einen christlichen Unterschied in der Nächstenliebe gibt. Als Mitglied der Malteser beschäftigt ihn besonders, ob Menschen von kirchlichen Diensten etwas erwarten dürfen, das über das hinausgeht, was andere Träger ebenfalls leisten.
Zunächst setzt sich der Autor mit der Aussage auseinander, kirchliche Einrichtungen machten die Liebe Gottes erfahrbar. Er stimmt dem grundsätzlich zu, betont aber zugleich, dass dies auch für andere Menschen und Organisationen gilt. Jeder Mensch, der Gutes tut, lässt nach seiner Auffassung etwas von Gottes Güte sichtbar werden. Darum reicht diese Erklärung noch nicht aus, um das spezifisch Christliche zu bestimmen. Allgemeine Hilfsbereitschaft allein ist noch nicht der christliche Unterschied.
Um diesen Unterschied genauer zu fassen, deutet der Autor die Erzählung von der Heilung des Gelähmten im Markusevangelium. Vier Männer bringen ihren gelähmten Freund zu Jesus. Weil sie wegen der vielen Menschen nicht zu ihm gelangen, decken sie das Dach ab und lassen den Kranken zu Jesus hinunter. Diese Szene wird zum Schlüsselbild des Artikels. Die Freunde tun alles, was sie selbst tun können. Zugleich vertrauen sie darauf, dass Jesus mehr tun kann als sie selbst. Darin sieht der Autor den Kern christlichen Handelns. Christliche Hilfe besteht nicht nur darin, selbst Gutes zu tun, sondern Menschen zu Jesus zu bringen.
Das Bild vom Durchbrechen der Decke erhält im Artikel eine geistliche Bedeutung. Christen sollen dem Glauben an Jesus Christus auf den Grund gehen. Gemeint ist ein Weg unter die Oberfläche, dorthin, wo Gott dem leidenden, verletzten oder schuldig gewordenen Menschen begegnet. Die vier Freunde handeln entschlossen, weil sie darauf vertrauen, dass in Jesus Gottes Hilfe gegenwärtig ist. So wird aus einer Rettungstat ein Glaubenszeugnis.
In der Begegnung mit dem Gelähmten zeigt Jesus nach Darstellung des Autors, dass menschliche Not tiefer reicht als körperliches Leid. Jesus sieht nicht nur die Lähmung des Körpers, sondern auch die innere Not und die Schuld des Menschen. Deshalb spricht er zuerst die Vergebung der Sünden zu und heilt danach den Leib. Damit macht der Text deutlich, dass Jesus nicht nur Symptome lindert, sondern den Menschen in seiner ganzen Tiefe ansieht und heilt. Der christliche Unterschied liegt also nicht einfach in menschlicher Fürsorge, sondern in der Begegnung mit Christus, der Schuld vergibt und Heil schenkt.
Von hier aus kritisiert der Autor eine verkürzte Vorstellung von Jesus als bloßem moralischem Vorbild. Er beschreibt, dass ihn diese Sicht schon als junger Mensch überfordert habe. Niemand kann tun, was Jesus tut. Kein Mensch kann Sünden vergeben, Kranke so heilen wie Jesus, Tote ins Leben rufen oder in derselben Weise Gottes Gegenwart verkörpern. Wenn Jesus nur als Vorbild verstanden wird, bleibt am Ende nur ein besonders guter Mensch aus ferner Zeit. Das Evangelium sagt nach Meinung des Autors aber zuerst nicht, was Menschen tun sollen, sondern was Jesus für Menschen tut. Er spricht, heilt, vergibt, rettet und verbindet Menschen mit Gott dem Vater.
Daraus folgt eine veränderte Sicht auf den Mitmenschen. Weil Gott in Jesus Mensch geworden ist und sich mit allen Menschen verbunden hat, besitzt jeder Mensch eine unantastbare Würde. Der Autor entfaltet diesen Gedanken am Beispiel der Arbeit junger Malteser im Libanon mit schwer behinderten Menschen. Dort wird nicht nur Hilfe geleistet, sondern in der Begegnung mit scheinbar schwachen Menschen deren verborgene Würde sichtbar. Diese Würde beschreibt er mit dem Bild der Königswürde. Jeder Mensch ist nach christlichem Verständnis von Gott gewollt, geehrt und zur Gemeinschaft mit ihm bestimmt.
Der Artikel vertieft diesen Gedanken christologisch. Jesus wird als der wahre König verstanden, der in die Tiefe menschlichen Leids hinabsteigt. Er geht in die Niederungen des Menschseins, nimmt Schuld, Leiden und Erniedrigung auf sich und offenbart gerade darin Gottes Liebe. Weil Christus sich mit den Armen, Kranken, Ausgegrenzten und selbst mit schuldig Gewordenen verbunden hat, ist der Nächste mehr als nur ein Mensch in meiner Nähe. Er ist Schwester oder Bruder, mit dem Christus sich verbunden hat. Deshalb bedeutet christliche Nächstenliebe, die von Gott geschenkte Würde des anderen zu erkennen und sichtbar zu machen.
Im nächsten Schritt deutet der Autor das Gleichnis vom barmherzigen Samariter neu. Er betont, dass Jesus nicht zuerst sagt, man solle einfach den Samariter nachahmen. Zunächst zeigt die Erzählung vielmehr, dass jeder Mensch selbst dem Überfallenen gleicht, der Hilfe braucht. Christus selbst ist der eigentliche Samariter, der sich dem verletzten Menschen zuwendet. Erst weil Menschen von Christus geholfen werden, können sie anderen helfen. Darum sind Christen nicht einfach Nachahmer Jesu, sondern Menschen, die selbst von Christus gerettet, getragen und geliebt sind. Christliche Hilfe ist deshalb Hilfe von Geholfenen, Rettung von Geretteten und Liebe von Geliebten.
Aus dieser Sicht ergibt sich auch die Bedeutung der Verkündigung. Nach Auffassung des Autors genügt es nicht, nur Gutes zu tun. Von Gottes Liebe muss auch gesprochen, gesungen und gefeiert werden. Taten ohne Worte können den Glauben nicht vollständig bezeugen. Wo nicht mehr von Gott gesprochen wird, wird der Glaube sprachlos. Christliche Nächstenliebe umfasst daher tätige Hilfe und sprachliches Zeugnis. Sie will nicht nur helfen, sondern auch Hoffnung eröffnen und das Vertrauen darauf stärken, dass Gott schon vor jeder menschlichen Hilfe da ist und den Menschen auch dort begleitet, wo menschliche Möglichkeiten enden.
Am Ende betont der Artikel noch einmal den eigentlichen Unterschied christlicher Nächstenliebe. Christen sind nicht deshalb besonders, weil sie bessere Helfer wären als andere. Der Unterschied liegt darin, dass sie glauben, selbst von Gott geliebt zu sein, und andere Menschen zu Jesus bringen wollen. Christliche Hilfe erschöpft sich nicht im sozialen Handeln, sondern verweist auf Christus, der schon vor aller menschlichen Hilfe gegenwärtig ist und den Menschen auch über Leid, Schuld und Tod hinaus begleitet. In diesem Sinn besteht der christliche Auftrag darin, einander zu helfen, zu Jesus zu kommen.