Subjektivität bezeichnet das Bewusstsein und die interpretative Perspektive des einzelnen Menschen, bestimmt durch persönliche Erfahrungen, Selbstwahrnehmung und die Fähigkeit zur Selbsttransparenz. Der Begriff entwickelt sich im Zuge der Aufklärung vom passiven zum aktiven Verständnis des Subjekts als autonomes, handelndes Wesen. Seit Ende des 18. Jahrhunderts wird Subjektivität gebräuchlich, zunächst als Reaktion auf Kants Erkenntnistheorie, die die persönliche Eigenständigkeit der Erkenntnisweise betont. Der Artikel unterscheidet zwischen berechtigter Subjektivität als existenzielle Unverzichtbarkeit und Subjektivismus als willkürliche Meinungsäußerung. Die moderne Dominanz objektiver Strukturen in Wissenschaft, Verwaltung und Technik führt zu einer Marginalisierung von Subjektivität und verstärkt Phänomene wie Burnout und Sinnlosigkeit. Hirnforschung und Phänomenologie widerlegen die Kantische Vorstellung isolierbarer Ich-Vernunft und zeigen, dass Erkenntnis konstitutiv an Körper, Sinne und Außenreize gebunden ist. Subjektivität ist Grundlage aller Empathie und damit aller Moral, während gleichzeitig die Frage nach Verallgemeinerbarkeit offen bleibt. In der Religion ist Subjektivität zentral, wird aber durch traditionelle Fixierungen bedroht. Propheten und Jesus verkörpern religiöse Subjektivität durch die Individualisierung der Glaubensbeziehung und die Unterordnung objektiver Regeln unter konkrete menschliche Erfordernisse.