Monika Tautz untersucht in diesem Artikel die Herausforderungen und Chancen der interreligiösen Textarbeit mit der Bibel und dem Koran im Religionsunterricht. Sie argumentiert, dass die Arbeit mit Heiligen Schriften zwar grundlegend für religiöse Bildung ist, im interreligiösen Kontext aber erheblich komplexer wird, da nicht nur zwischen Text und Schülerinnen und Schülern, sondern auch zwischen verschiedenen religiösen Traditionen vermittelt werden muss. Der Artikel betont das Prinzip der Subjektorientierung, wonach die Lernenden mit ihren eigenen Verstehenszugängen ernst genommen werden müssen, während gleichzeitig die Würde und Bedeutungsvielfalt der Texte selbst sowie ihr Verhältnis zu den Überlieferungszusammenhängen ihrer Traditionen bewahrt bleiben. Tautz erläutert, dass Heilige Schriften sich durch ihre Verbindung zu Offenbarungsgeschehen, ihre liturgische Funktion und ihre gemeinschafts- und identitätsbildende Kraft auszeichnen. Ein zentraler Unterschied zwischen Bibel und Koran liegt darin, dass das Wort Gottes sich für Christen in Jesus Christus ereignet, während Muslime den Koran als unmittelbares Wort Gottes verstehen. Der Text fordert von Lehrenden und Lernenden eine kritische Hermeneutik ein, die eigene und fremde Deutungen hinterfragt und dabei die Sach- und Beziehungsebene unterscheidet. Motivierend wirkt die Erkenntnis, dass gemeinsames kritisches Reflektieren über Texte das eigene religiöse Denken und Leben bereichert und Toleranz auf fundierter Basis ermöglicht.