Der Artikel von Mirjam Schambeck argumentiert, dass Topographie im Neuen Testament eine genuin theologische Aufgabe darstellt und nicht bloß geografisches Interesse verfolgt. Die Orte, die Jesus aufsucht, bilden ein «fünftes Evangelium», das zum Verständnis seiner Botschaft wesentlich beiträgt. Um Jesu Gleichnisse, seine Predigten und Handlungen angemessen zu verstehen, ist Kenntnis der Flora, Fauna und Sozialgeschichte Palästinas erforderlich. Besonders bedeutsam ist die Verbindung zu alttestamentlichen Orten, wie etwa die Bergpredigt mit dem Berg Sinai verbunden ist. Der Artikel konzentriert sich auf Galiläa als geografisch und politisch periphere Region, die in der hebräischen Bibel kaum Erwähnung findet, aber im Leben Jesu zentral ist. Galiläa war zur Zeit Jesu dicht besiedelt, fruchtbar und wirtschaftlich bedeutsam, spielte aber für die religiöse und politische Macht Jerusalems kaum eine Rolle. Die Bewegung von Galiläa nach Jerusalem wird theologisch als Programm gelesen: Die Peripherie wird zum Erkenntnisort Gottes. Nazaret, Jesu Heimatdorf, symbolisiert besonders diese theologische Deutung als unbedeutender, marginaler Ort, der nicht den Erwartungen an königliche oder elitäre Herkunft entspricht. Die historische Verwurzelung Jesu in Nazaret konkurriert mit der theologischen Aufladung Bethlehems in den späteren Matthäus- und Lukas-Evangelien. Der Artikel zeigt grundsätzlich, dass Jesu Inkarnation in Raum und Zeit die Kontexte und Geschichten zu Orten macht, an denen sich Gott finden lässt, wobei gerade das Kleine, Marginale und Verborgene Gottes Weisen sind, sich zu offenbaren.